Martin R. Textor

IPZF




Kinder zukunftsfähig machen: benötigte Kompetenzen

Kinder und Jugendliche wollen sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft glücklich und erfolgreich sein. So benötigen sie zum einen Kompetenzen, um sich in ihrer aktuellen Familien- und Lebenssituation positiv entwickeln zu können. Dazu gehört beispielsweise, dass sie mit dem Leben in verschiedenen Familienformen und (Migranten-) Milieus, mit der geringen Zeit ihrer Eltern (bis hin zur Vernachlässigung), mit deren Trennung bzw. Scheidung, mit ihrer Zeugung als "Retortenbaby" oder durch einen ihnen nicht bekannten Vater, mit Reichtum, Armut oder Migrationsstatus zurechtkommen. Kinder und Jugendliche werden immer früher selbständig werden müssen, sich zunehmend selbst versorgen und immer mehr Verantwortung für ihre Schulleistungen und ihr Freizeitverhalten (Medienkonsum) übernehmen müssen. Da sie weniger Zeit mit Gleichaltrigen außerhalb von Bildungseinrichtungen verbringen werden (also auf der Straße, in Wohnungen, in Jugendgruppen, in Vereinen usw.), werden sie Freundschaften vor allem in der Kindertagesstätte oder Ganztagsschule pflegen müssen. Je schwächer die Bindungen an ihre Eltern werden, umso wichtiger wird es, dass Kinder bindungsähnliche Beziehungen zu Erzieherinnen, Tagesmüttern und (Grundschul-, Nachhilfe-, Musikschul-) Lehrern aufbauen können. Kinder und Jugendliche müssen lernen, auf die Überhäufung mit Bildungsangeboten in Kindertageseinrichtung und Schule positiv zu reagieren, mit der Verschulung und Pädagogisierung ihrer Lebenswelt zurechtzukommen, mit Leistungsdruck und kontinuierlichen Prüfungen zu leben.

Zum anderen benötigen Kinder, Jugendliche und Heranwachsende Kompetenzen für die Welt von morgen. Nur auf diese soll im Folgenden eingegangen werden. Sie ergeben sich aus den vorgestellten Zukunftstendenzen. Da die Kompetenzen bereits am Ende der einzelnen Kapitel aus den jeweiligen Trends abgeleitet wurden, müssen sie nun nur noch zusammengefasst werden. Dies geschieht in Tabelle 4, wo sie zugleich nach Kompetenzbereichen systematisiert werden.

Tabelle 4: Kompetenzen für die Welt von morgen
Kompetenzbereiche

Kompetenzen

personale und emotionale Kompetenzen
  • ausgeprägte Persönlichkeit, Charakterstärken, vielseitige Interessen
  • positives Selbstbild, Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Mut, Optimismus
  • körperliche und psychische Hygiene: gesunde Lebensführung, sportliche Betätigung, Selbstmanagement, Selbstdisziplin, sinnvolle Freizeitgestaltung, Hobbys, Medienkompetenz
  • Flexibilität, Mobilität
  • Fähigkeit, Stress und hohen Leistungsdruck ertragen und sich entspannen zu können
  • Resilienz, Fähigkeit zur Bewältigung alltäglicher Belastungen und kritischer Lebensereignisse, Bereitschaft zu Selbsthilfe, Durchhaltevermögen
  • individuelles Wertesystem (Religion), Lebenssinn, Verantwortungsbereitschaft, positive Einstellung zu Partnerschaft und Familie
  • Fähigkeit, Familie und Beruf vereinbaren zu können
  • Akzeptanz der Grenzen des Wachstums, Bereitschaft zum Verzicht sowie zu einem energiesparenden und ressourcenschonenden Lebenswandel, Lebensqualität wichtiger als mehr Konsum/Besitz
  • Liebe zur Natur, Umweltbewusstsein, Fähigkeit zum praktischen Umweltschutz
soziale und kommunikative Kompetenzen
  • Kommunikationsfertigkeiten (klare und verständliche Sprache, großer Wortschatz, bei Bedarf komplexe Satzbildung, Zuhören können), Beherrschen der Schriftsprache
  • andere Menschen richtig wahrnehmen können, Sensibilität, Empathie
  • Team- und Kooperationsfähigkeiten, Integrations- und Anpassungsbereitschaft, Durchsetzungsfähigkeit, Konfliktlösefertigkeiten, Führungskompetenzen (insb. zur Leitung ganz unterschiedlich zusammengesetzter Teams)
  • angemessener (beruflicher) Umgang mit (viel) älteren und jüngeren Kollegen, Vorgesetzten und Untergebenen, mit solchen des anderen Geschlechts oder aus anderen Kulturkreisen, mit Fachleuten in anderen Ländern
  • Kompetenz der "Selbstvermarktung"
  • Fähigkeit zum Aufbau eines funktionierenden Netzwerks (Freundeskreis, Geselligkeit, wechselseitige emotionale Unterstützung und praktische Hilfe)
  • positive Gestaltung von Paar- sowie Eltern-Kind-Beziehungen, erzieherische Kompetenzen
  • angemessener (privater) Umgang mit alten, behinderten und pflegebedürftigen Personen, mit Migranten und Flüchtlingen, mit Menschen in anderen Ländern
kognitive und lernmethodische Kompetenzen
  • Reflexionsfähigkeit, Urteilsvermögen, kritische Haltung, Problemlösefertigkeiten, Systemdenken
  • Neugier, Forschungsdrang, Experimentierfreude, Kreativität, Produktivität
  • Konzentrationsfähigkeit, Durchhaltevermögen
  • Lern- und Leistungsmotivation, Bereitschaft zum lebenslangen Lernen, zur Fort- und Weiterbildung, zum Umlernen und zur Umschulung
  • Lernen des Lernens, effektive und effiziente Verarbeitung von Informationen
  • relevante Computerprogramme und das Internet nutzen, mit Technik umgehen können
  • unternehmerische und organisatorische Fähigkeiten, Zeitmanagement

Neben diesen Kompetenzen werden in der sich anbahnenden Wissensgesellschaft auch Kenntnisse benötigt:

  • ein breites Allgemeinwissen (Mathematik, Naturwissenschaften, Technik, Wirtschaftswissenschaften, Recht, Geographie, Geisteswissenschaften, Musik, Kunst, Umweltwissenschaften, Demographie, Politik, Psychologie, Pädagogik usw.),
  • Wissen über aktuelle Probleme (Finanz- und Wirtschaftskrisen, Staatsverschuldung, demographische Entwicklung, Klimawandel, Umweltzerstörung, Rohstoff- und Energiekrise usw.)
  • Fremdsprachenkenntnisse (Englisch, Mandarin, Hindi, Spanisch usw.)
  • IT-Kenntnisse
  • Zukunftswissen
  • berufliches Grundlagenwissen
  • Spezialwissen

Während die meisten Kompetenzen und Kenntnisse während der Kindheit und Jugend (allmählich) erworben werden, eignen sich Menschen das berufliche Grundlagenwissen erst während der Berufsausbildung oder eines Studiums sowie das Spezialwissen während der Berufsausübung an.