Martin R. Textor

IPZF




Kinder in der Kita zukunftsfähig machen

Eine zukunftsorientierte frühkindliche Bildung kommt in Kindertagesstätten zustande, wenn Erzieherinnen

Dabei sollten Erzieherinnen die Erkenntnisse der Hirnforschung, der Lern- und der Entwicklungspsychologie berücksichtigen: Hier wird das Kleinkind als ein neugieriger, eigenaktiver, selbsttätiger "Forscher" gesehen, der eine Unmenge an Informationen aufnimmt, diese verarbeitet und in "intuitive Theorien" eingliedert. Es verhält sich im Grunde wie ein Erwachsener, der in der Wissensgesellschaft einen anspruchsvollen Beruf ausübt - natürlich auf einem anderen Niveau. Nach diesen Forschungsergebnissen benötigen Kleinkinder viel Freiraum zur Erkundung der natürlichen und kulturell geprägten Umwelt, zum eigenständigen Beobachten und Erforschen.

So sollten Erzieherinnen Kindern die Möglichkeit eröffnen, soviel wie möglich selbständig oder in Kleingruppen zu lernen: Kinder sollten "Entdeckungsreisende" sein können, die aus eigener Initiative, aus Neugier und Forschergeist heraus die Welt erkunden und sich ein Bild von ihr machen. Dementsprechend sollten Erzieherinnen ihre eigene Rolle neu definieren: als "Begleiterinnen" der Kinder bei diesem "Abenteuer". Sie können z.B. Anreize für Entdeckungen geben, indem sie

  • immer wieder neue Materialien bereitstellen, also eine gut vorbereitete Umgebung schaffen,
  • zu vielfältigen Aktivitäten motivieren (z.B. Experimente, Zerlegen von Geräten, Anlegen von Sammlungen),
  • die Kinder mit unbekannten Situationen konfrontieren (durch Exkursionen in die Natur, zu Unternehmen, Handwerksbetrieben, sozialen und kulturellen Einrichtungen etc.) oder
  • Erwachsene (als "Spezialisten" für ...) in die Kindertagesstätte einladen.

Ferner unterstützen Erzieherinnen die Kinder auf dem Weg des selbständigen Erfahrungslernens, wenn sie z.B. Lernteams organisieren, den Austausch zwischen Kindern fördern, benötigte Materialien bereitstellen oder gewünschte Informationen geben. Die Kinder lernen, wo Informationen zu finden sind, wie man sie kritisch beurteilt, wie man Daten auswählt und wie man sie verarbeitet bzw. nutzbar macht. Wichtig ist, dass die Entdeckungsreisenden alle Sinne einsetzen (Sinnesschulung), ihre Lebenswelt mit dem ganzen Körper und seinen Gliedern erleben sowie viele Primärerfahrungen in Echtsituationen machen können.

Freispiel und Projektarbeit

Eine von der eigenen Neugier, von Forschungsdrang und individuellen Interessen geleitete Welterkundung ist besonders gut im Freispiel möglich - der naturgemäßen Form des Lernens im Kleinkindalter. Hier begegnen Kinder ganz unterschiedlichen Materialien und erkunden deren Verwendung, zeigen ihre Kreativität, versetzen sich in verschiedene Rollen, planen etwas gemeinsam mit anderen und setzen dies um, improvisieren und bewältigen selbständig Probleme. Sie lernen, Beziehungen zu gestalten, zu konkurrieren und zu kooperieren, zu führen und sich unterzuordnen, andere ausreden zu lassen und zuzuhören, etwas auszuhandeln, sich durchzusetzen, Kompromisse einzugehen, Konflikte zu lösen und verlieren zu können - wichtige Kompetenzen für die Zukunft.

Aufgrund der großen Bedeutung sollten Freispiel und Rollenspiel gegen Tendenzen einer Verschulung von Kindertageseinrichtungen verteidigt werden - Kleinkinder brauchen dringend Freiräume, die nicht pädagogisch besetzt sind. Das schließt Bildungsangebote natürlich nicht aus, da Erzieherinnen viele Kenntnisse und Kompetenzen nur auf diese Weise vermitteln können. Oft ist dies aber auch in Spielsituationen möglich, wenn sich die Fachkräfte an ihnen beteiligen: Durch Mitspielen bzw. Anleiten verbessern sie die Qualität des Frei- oder Rollenspiels, bringen neue Ideen ein oder regen durch Fragen zum Nachdenken an. Besonders wichtig ist, dass sie sich immer wieder als Gesprächspartner zur Verfügung stellen, sodass gemeinsame längere Denkprozesse entstehen können, Wissen ko-konstruiert werden kann und Metakommunikation ermöglicht wird. Dann wird die kognitive Entwicklung von Kleinkindern am intensivsten gefördert.

Da es in Kindertageseinrichtungen nicht darauf ankommt, wie in der Schule ein bestimmtes Wissen (z.B. nach einem Lehrplan) zu vermitteln, bietet sich das exemplarische Lernen an. Hierzu ist Projektarbeit besonders gut geeignet, weil ganz unterschiedliche Methoden und Aktivitäten eingesetzt werden können, die zusammengenommen zu einer ganzheitlichen Förderung des Kindes in allen Entwicklungsbereichen führen. Da bei Projekten Kinder etwas gemeinsam planen und bei der Umsetzung ihrer Pläne kooperieren, da sie viel miteinander bereden und unterschiedliche Positionen ausdiskutieren müssen, werden Teamfähigkeit, kommunikative Kompetenzen und Kompromissbereitschaft gefördert.

Bildungsbereiche

Erzieherinnen dürfen sich einerseits dem Computer und den neuen Medien gegenüber nicht verschließen und müssen Kindern Medienkompetenz vermitteln. Wird gute Software verwendet, können Kleinkinder am Computer neue Kenntnisse und Fertigkeiten erwerben, aber auch kreativ und künstlerisch tätig werden. Beim gemeinsamen Lösen von Aufgaben müssen sie miteinander interagieren und kooperieren, sodass sie oft mehr miteinander sprechen als bei anderen Aktivitäten. Andererseits müssen Erzieherinnen aber auch der wachsenden Gefahr von Primärerfahrungsdefiziten aufgrund der Mediatisierung unserer Gesellschaft begegnen. So dürfen Medien nicht die Überhand im pädagogischen Alltag gewinnen. Im Elementarbereich sind noch am ehesten ganzheitliches Lernen, physische Lebenswelterfahrung, Sinnesschulung und Selbsterfahrung möglich.

Werden Kinder als "Entdeckungsreisende" wahrgenommen und akzeptiert, dürfte es nicht schwer fallen, die pädagogische Arbeit an ihren Interessen auszurichten. Kinder sollten bei der Benennung von Projekt- bzw. Monatsthemen und bei der Auswahl von Aktivitäten mitbestimmen können (Letzteres wird durch eine zeitweilige Öffnung der Gruppen erleichtert, sodass die Kinder zwischen verschiedenen Funktionsräumen und Bildungsangeboten wählen können). Sie brauchen (selbst ausgesuchte) Aufgaben, an denen sie wachsen und ihre Potenziale entfalten können. Das erhöht die Motivation, selbstbestimmt, selbsttätig und eigenverantwortlich zu lernen - Lernen soll schließlich auch Spaß machen! Wenn Kinder im Team arbeiten, unterschiedliche Meinungen ausdiskutieren, "Experten" interviewen usw., ist es auch nur selten notwendig, sie auf (Denk-) Fehler hinzuweisen - was sie oftmals entmutigen und demotivieren würde. In der Regel werden sie selbst Fehler entdecken und beheben, was nicht nur einen zusätzlichen Lernerfolg bedeutet, sondern auch Zukunftsfähigkeiten wie Selbst- und Fremdwahrnehmung, kommunikative Fertigkeiten und die Problemlösekompetenz fördert. Die positive Selbsterfahrung im Hinblick auf das Ergründen, Hinterfragen und Gestalten von Neuem erhöht zugleich Neugier, Lernbereitschaft und Leistungsfähigkeit.

Eine große Rolle sollte weiterhin die Kreativitätsförderung spielen. Malen, Tonen, Basteln und Werken, Singen, Musizieren und Tanzen, Schatten-, Puppen- und Theaterspiel, Brauchtum und Festgestaltung dürfen nicht zu kurz kommen. Dabei darf es nicht um irgendwelche "Leistungen" gehen (z.B. besonders schöne Bastelarbeiten oder Vorführungen vor Eltern), sondern um spielerische Erfahrungen mit verschiedenen Materialien, Werkzeugen, Papiersorten, Maltechniken, Klängen und (Körper-) Instrumenten. Der Keim für spätere Hobbys kann schon in Kindertageseinrichtungen gelegt werden - Hobbys, die kreative Betätigung und Entspannung bieten, aber auch Schutz vor dem kostspieligen "Freizeitkonsumrausch".

Erzieherinnen sollten großen Wert auf die Sozialerziehung legen, auf die Entwicklung kommunikativer Fertigkeiten und auf die Fähigkeit, interpersonale Konflikte für alle Seiten befriedigend zu lösen. Kinder müssen lernen, Beziehungen zu anderen Menschen positiv zu gestalten, sich in andere Personen hineinzuversetzen, deren Perspektive zu übernehmen und deren Gefühle zu respektieren. Ferner müssen sie befähigt werden, sich in kleinere oder größere Gruppen einzugliedern, sich einzubringen und das Gruppengeschehen mitzubestimmen. All diese Kompetenzen sind auch für ihre Zukunft relevant. Zudem sollten Kinder durch Partizipationsmöglichkeiten auf das Leben in einer Demokratie vorbereitet werden. Dazu gehört beispielsweise auch die Diskussion von Regeln oder das Abstimmen über alternative Vorschläge (z.B. im Rahmen von Kinderkonferenzen).

Die Kinder müssen außerdem lernen, normale Übergänge wie die von der Kindertageseinrichtung in die Schule sowie individuelle Transitionen wie z.B. die Trennung ihrer Eltern oder die Gründung einer Stieffamilie zu bewältigen. Hierbei können Erzieherinnen helfen - auch indem sie die Entwicklung von Resilienz fördern. Das Selbstwertgefühl von Kindern - insbesondere von solchen aus unteren sozialen Schichten und aus Randgruppen - sollte sich unabhängig von ihrer materiellen Lage entwickeln können.

Da die meisten Familien getrennt von alten Menschen leben, können Erzieherinnen Kindern den Kontakt zu Senioren erschließen - auch durch deren Einbindung in den Kita-Alltag. Jede Seite kann dann Verständnis für die Lebenssituation und die Bedürfnisse der anderen Seite entwickeln. Kinder wissen solche Begegnungen zu schätzen und gewinnen durch sie Einblicke in die Erlebens- und Verhaltensweisen älterer Menschen, aber auch eine historische Perspektive, wenn diese von früher erzählen. Auf solche Weise können Erzieherinnen einen Beitrag zur Verständigung zwischen den Generationen leisten und eine neue Kultur des Miteinanders schaffen - über die erweiterte Familie hinaus.

Die Kindertageseinrichtung ist oft der erste Ort, an dem Kinder aus verschiedenen Kulturkreisen und Subkulturen zusammenkommen und miteinander interagieren. Deshalb können Erzieherinnen einen Beitrag dazu leisten, dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen lernen, einander zu achten, verschiedene Religionen, Werte, Traditionen und Verhaltensmuster zu tolerieren und miteinander auszukommen. Offenheit für kulturelle Vielfalt wird von den Fachkräften beispielhaft vorgelebt; durch das Einbeziehen von Eltern aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen in die pädagogische Arbeit werden den Kindern neue Lernerfahrungen ermöglicht. Dank des Internets sind heute auch Partnerschaften mit Kitas in Entwicklungsländern möglich. Kleinkinder können so einen ersten Eindruck vom Leben der Menschen auf anderen Kontinenten gewinnen.

Durch religiöse bzw. ethisch geprägte Erziehung können Erzieherinnen dazu beitragen, dass sich Kinder Werte und Moralvorstellungen aneignen und für sich selbst einen Lebenssinn finden. Auch kann die Grundlage für ein späteres soziales Engagement gelegt werden: die Bereitschaft, anderen Menschen zu helfen. Insbesondere Kindertageseinrichtungen mit einem kirchlichen Träger werden für viele Kleinkinder der einzige Ort sein, an dem sie noch biblische Geschichten, Gebete, religiöse Lieder und die Bedeutung von Festen wie Weihnachten und Ostern lernen.

In einer immer hektischer werdenden Gesellschaft ist es außerdem wichtig, dass Kinder lernen, zur Ruhe zu kommen und sich zu entspannen - z.B. mit Hilfe von Meditation, Entspannungsübungen, Musik und Mandalas oder durch das Schaffen von Schlaf- und Rückzugsmöglichkeiten. Auf diese Weise können Erzieherinnen auch einen Beitrag zur Entschleunigung des Lebens und zur Reduzierung von Leistungsdruck erbringen. Spielzeugfreie Phasen können dazu beitragen, dass Kinder lernen, sich selbst zu beschäftigen und Verzicht zu üben. Zudem wirken die Fachkräfte als Vorbilder, wenn sie ausgeglichen sind, immer die Ruhe bewahren und sich nicht unter Zeitdruck setzen - manche Aktivitäten dauern eben länger als geplant.

Da es in Zukunft vermutlich immer mehr fehlernährte und übergewichtige Kinder geben wird, ist die Gesundheitserziehung in Kindertageseinrichtungen zu intensivieren. Zumindest hier sollten Kleinkinder vollwertig und entsprechend ihres Kalorienbedarfs verpflegt werden. Oft werden Kinder nur noch in der Tagesstätte lernen, wie Kräuter und Gemüse im natürlichen Zustand aussehen, wie man mit frischen Zutaten kocht, wie man Brot, Plätzchen oder Kuchen backt, was gesund und was ungesund ist. Eine besondere Bedeutung kommt ferner der Bewegungserziehung und der sportlichen Betätigung zu.

In einer zunehmend urbanisierten Welt ist es notwendig, Kleinkindern möglichst viele Naturerfahrungen zu ermöglichen. Dies ist zum einen auf dem Außengelände der Kindertagesstätte möglich, wenn dieses mit Beeten, Kräuterspiralen, Obstbäumen und -sträuchern oder sogar mit Trockenmauern, einem Teich, einem Komposthaufen, einem zum Verstecken einladenden Gebüsch oder einem Sinnespfad ausgestattet wird. Zum anderen sollten naturnahe Flächen in der Umgebung erkundet werden, wo Kinder Naturbeobachtungen und -erfahrungen machen, mit natürlichen Materialien spielen, sich körperlich bewähren und ungefährliche Abenteuer erleben können. Zugleich können sie zu einem aktiven Natur- und Umweltschutz motiviert werden, indem sie angehalten werden, z.B. keine Pflanzen zu beschädigen, Insekten nicht zu töten und Müll aufzusammeln. Aber auch ein sparsamer Umgang mit Ressourcen wie Wasser, Heizung und Strom kann in der Kindertagesstätte gelernt werden, wenn z.B. Regenwasser zum Begießen von Pflanzen gesammelt, Fenster im Winter nur kurz - aber weit - geöffnet werden oder Lampen bloß dort angeschaltet werden, wo gerade Licht gebraucht wird.

In der Kindertageseinrichtung ergeben sich viele weitere Situationen, in denen Kinder naturwissenschaftlich-technische oder auch mathematische Erfahrungen sammeln können, ohne dass besondere Bildungsangebote wie z.B. Experimente gemacht werden müssen. Beispielsweise lernen Kleinkinder das Zählen, wenn sie morgens die Anzahl der Anwesenden ermitteln oder das Tischdecken übernehmen. Beim Sortieren (z.B. von Perlen) oder Verteilen von Gegenständen (z.B. von Gummibärchen) entwickeln sie Mengenbegriffe, beim Umschütten von Sand oder Wasser in verschieden große Gefäße beobachten sie die Invarianz von Mengen. Beim Spielen mit Bauklötzen erkennen sie verschiedene geometrische Formen und lernen deren Bezeichnungen, wenn die Fachkräfte sie benennen. Zugleich machen sie Erfahrungen mit der Statik. Beim Wippen erleben sie die Hebelwirkung. Beobachten sie, wie Schnee und Eis schmelzen oder dass beim Kochen Wasserdampf entsteht, erkennen sie unterschiedliche Aggregatzustände. Beim Herstellen von Hefeteig sehen sie, wie schnell sich Pilzkulturen vermehren können. Auch lernen sie die Verwendung der in Kindertageseinrichtungen vorhandenen Geräte kennen (Dreirad, Telefon, Kopierer, CD-Player, Computer usw.) - und auch deren Funktionsweise, falls Erzieherinnen entsprechende Fragen der Kinder beantworten (können).

Ferner können Kleinkinder erste Erfahrungen mit dem Wirtschaftsleben machen, wenn sie im Rahmen eines Projekts den Geldkreislauf erkunden oder sich damit befassen, wer alles an der Herstellung weiterverarbeiteter Produkte beteiligt ist (z.B. "Wo kommen die Zutaten für ein Brot her?"). Andere Möglichkeiten sind beispielsweise Ausstellungen in der Kita, für die seitens der Kinder ein Eintrittsgeld eingesammelt wird oder wo diese selbst gemalte Bilder (oder andere Dinge) zu von ihnen festgesetzten Preisen verkaufen.

Obwohl in den letzten Absätzen zwischen verschiedenen Kompetenz- und Bildungsbereichen unterschieden wurde, darf nicht der Eindruck entstehen, dass hier spezifische Bildungsangebote oder gar besondere, von Spezialisten entwickelte Förderprogramme vorherrschen sollten. Kleinkinder lernen ganzheitlich, und so sollten entsprechende Aktivitäten der Selbstbildung und des ko-konstruktiven Lernens im Mittelpunkt stehen (z.B. Freispiel, Projektarbeit).

Kinder mit besonderen Bedürfnissen

Da in Zukunft noch mehr Kinder in bildungsfernen Familien, in Subkulturen verschiedenster Migrantengruppen oder in Risikolagen (z.B. Armut) aufwachsen werden, sind Erzieherinnen weiterhin gefordert, deren Bildungs- und damit auch deren Lebenschancen zu verbessern. Beispielsweise benötigen Kinder mit Migrationshintergrund neben einer guten alltagsintegrierten Sprachförderung zusätzliche Förderangebote, damit sie bei der Einschulung die deutsche Sprache beherrschen. Zugleich sollten ihre Eltern angehalten werden, auch die Herkunftssprache zu pflegen, da Mehrsprachigkeit eine wichtige Qualifikation ist.

In den kommenden Jahren wird die Inklusion an Bedeutung gewinnen: Behinderte und von Behinderung bedrohte Kinder sollen nicht wie bisher in Kindertagesstätten nur integriert werden, sondern bei dieser "Pädagogik der Vielfalt" soll der Fokus auf die Heterogenität und Individualität aller Kinder erweitert werden: Jedes Kind hat besondere Bedürfnisse, Stärken und Schwächen. Dementsprechend sollte durch Differenzierung und Individualisierung - und ohne eine "Etikettierung" als "behindert", "hochbegabt", "sprachauffällig" oder "musikalisch" - jedes Kind entsprechend seiner speziellen Bedarfe angemessen gefördert werden. In Einzelfällen werden Erzieherinnen dabei mit Fachkräften anderer Berufsgruppen kooperieren.

Die Erzieherin-Kind-Beziehung

Schließlich bleibt es wichtig, dass sich die Fachkraft viel Zeit für das einzelne Kind nimmt. Je länger es in der Einrichtung betreut wird, umso wichtiger wird, dass es eine bindungsähnliche Beziehung zu seiner Bezugserzieherin aufbauen kann. Insbesondere bei unter Dreijährigen wird die Fachkraft hier mit der Herausforderung konfrontiert, die Gratwanderung zwischen "Elternersatz" und "professioneller Distanz" zu bewältigen. Nur wenn sich Kinder in der Kindertagesstätte sicher und geborgen fühlen, können sie alle hier gebotenen Lernchancen nutzen.

Auch in Zukunft werden Kinder Gesprächspartner benötigen, denen sie ihre Gedanken und Gefühle anvertrauen können und die wirklich zuhören. Vor allem müssen die aktuellen Bedürfnisse der Kinder beachtet werden - nach Liebe und Zuwendung, Wertschätzung und Respekt, Verlässlichkeit und Freundschaft, Individualität und Selbstverwirklichung. Für Kinder sollten Kindertageseinrichtungen ein Umfeld sein, in dem sie sich zufrieden und glücklich fühlen.

Erziehen und Bilden für die Zukunft bedeuten somit nicht, dass auf die Kindorientierung verzichtet wird - und natürlich müssen Kindertageseinrichtungen weiterhin familien-, lebenswelt- und gegenwartsorientiert sein. Das Kind muss aber immer im Mittelpunkt stehen!

Die Rahmenbedingungen verbessern

Die hier skizzierten Aufgaben von Kindertageseinrichtungen können aber nur zufriedenstellend erfüllt werden, wenn in den kommenden Jahren die Qualität der pädagogischen Arbeit verbessert wird. Dazu müssen insbesondere die Gruppengröße und der Erzieherin-Kind-Schlüssel reduziert werden. Aber auch die Vor- und die Nachbereitungszeit sind auszuweiten; bürokratische Aufgaben sind auf ein Minimum zu beschränken. Ferner müssen die Erstqualifizierung und Fortbildung der Fachkräfte verbessert werden. Wie die Mitarbeiter in anderen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe benötigen Erzieherinnen (Einzel-) Supervision, die ihnen derzeit zumeist noch verweigert wird. Eine bessere Qualität der frühkindlichen Bildung lässt sich somit nur erreichen, wenn dem Elementarbereich mehr finanzielle Ressourcen seitens der Politik zur Verfügung gestellt werden.