Martin R. Textor

IPZF




Zukunftstrends

Wie werden sich Weltordnung, Umwelt, Technik, Wirtschaft, Gesellschaft, Familie und Kindheit in den nächsten 20, 30 Jahren verändern? Was für Kompetenzen benötigen die Kinder von heute, um dann als Erwachsene erfolgreich und zufrieden sein zu können? Auf diese Fragen wird in folgenden Kapiteln eingegangen:

Eine umfassendere und detailliertere Darstellung der Zukunftstrends finden Sie auf meiner Website www.zukunftsentwicklungen.de.

Die Welt von morgen

Mein Großvater väterlicherseits lebte von 1882 bis 1954. Es ist undenkbar, dass zum Zeitpunkt seiner Geburt ein Wissenschaftler einen Vortrag hielt, in dem er voraussagte, dass während des Lebens meines Großvaters z.B. das Auto (1885), das lenkbare Luftschiff (1900), das Flugzeug (1903: Motorflug), der Rundfunk (1923), das Fernsehen (1929), die Perlon- und Nylonfasern (1938), die Fernrakete V2 (1942), der Kernreaktor (1942) und die Atombombe (1945) erfunden würden. Kein Mensch wird damals vorhergesehen haben, dass in den nächsten 70 Jahren Naturwissenschaften und Industrie einen unglaublichen Aufschwung erleben, immer mehr Menschen in die Städte strömen, die Straßen asphaltiert und mit Lampen versehen, die Kaiser- und Königreiche durch Demokratien ersetzt, zwei Weltkriege ausbrechen und die Kommunisten in Russland, China und weiteren Ländern an die Macht kommen würden.

Heute ist die Situation etwas anders. So ist mit der Zukunftsforschung ein interdisziplinäres Arbeitsfeld entstanden, in dem vor allem Wissenschaftler und Manager tätig sind. Wohl gibt es an Universitäten nur wenige Lehrstühle für Zukunftsforschung, aber viele Wissenschaftler befassen sich in ihrem Arbeitsfeld - sei es z.B. Klimatologie, Volkswirtschaft, Biologie, Ozeanographie oder Architektur - mit Zukunftsprognosen. Ministerien, Statistikämter, Konzerne, Banken, Unternehmensberatungen und supranationale Organisationen wie UN, Europäische Kommission und OECD betreiben Zukunftsforschung. Inzwischen gelingt es recht gut, in der Rückschau erkennbare Tendenzen in die Zukunft fortzuschreiben und dabei beispielsweise zu berücksichtigen, dass sich die technische Entwicklung immer weiter beschleunigt.

Dennoch bleiben große Unsicherheitsfaktoren. Weitgehend unvorhersehbar sind vor allem große Naturkatastrophen, selbst wenn man weiß, dass irgendwann z.B. Kalifornien und die Region um Tokio von großen Erdbeben betroffen sein werden oder dass unter Neapel und dem Yellowstone National Park Vulkane vor dem Ausbruch stehen. Aber auch große politische Umwälzungen können nicht vorausgesagt werden: So könnte es mit dem Wirtschaftswunder in Ost- und Südasien ein schnelles Ende haben, wenn es in China zu einer neuen Kulturrevolution käme oder wenn in Indien Hunderte von Millionen Menschen revoltieren würden, die bisher kaum vom Wirtschaftswachstum profitiert haben.

Bei den auf dieser Website vorgestellten Prognosen wurde auf Zitate und Literaturhinweise verzichtet, um den Gedankenfluss nicht zu stören. Auch geht es hier weder um einen vollständigen Überblick über Zukunftsentwicklungen noch darum, einzelne Trends im Detail zu erörtern. Bei der Zielsetzung dieser Website spielt es z.B. keine Rolle, ob bis zum Jahr 2050 die Bevölkerung in Deutschland - je nach Szenario des Statistischen Bundesamtes - auf 69,4 oder 73,6 Mio. Menschen schrumpfen wird. Genauso wenig müssen unterschiedliche Prognosen zum Klimawandel diskutiert werden - ob beispielsweise der weltweite Temperaturanstieg 4 oder 6 Grad bis zum Jahr 2100 betragen oder vielleicht sogar noch höher liegen wird. Für die Argumentation ist nur entscheidend, dass es solche Trends gibt und dass die Kinder von heute als Erwachsene die damit verbundenen Herausforderungen bewältigen müssen.

Des Weiteren soll noch angemerkt werden, dass diese Website keine zukunftspessimistische Haltung vermitteln oder gar Angst vor der Zukunft machen will. Allein der Blick zurück auf die letzten 150 Jahre zeigt, dass nahezu jede Generation große Herausforderungen gemeistert hat - denken wir nur an den Deutsch-Französischen Krieg, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg oder an die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise, das Dritte Reich oder die Wiedervereinigung. Auch war der technologische Wandel für meinen Großvater (s.o.) sicherlich einschneidender als für die Kinder von heute, die in ihn hineinwachsen und mit ihm groß werden. Welches Kind scheut vor neuer Technik so zurück wie es viele Erwachsene tun? Auch die heranwachsende Generation wird sich mit Sicherheit an die Zukunftsentwicklungen anpassen und die jeweiligen Anforderungen bewältigen. Aber dies wird ihr leichter gelingen, wenn wir sie darauf vorbereiten...

Der internationale Kontext

Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung von 7,3 auf ca. 9,7 Mrd. Menschen ansteigen. Dann kämen 72 Menschen auf einen Quadratkilometer Landfläche (ohne Antarktis). Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass es in Deutschland derzeit 226 Menschen/km2 sind. Allerdings findet das Bevölkerungswachstum vor allem in Regionen statt, die schon jetzt Probleme mit Wassermangel, unzureichender landwirtschaftlicher Produktion und Armut haben. Hier ist in Zukunft mit Wanderungsbewegungen und ethnischen Spannungen zu rechnen. So wird der Anteil der Menschen, die in den weniger entwickelten Regionen der Erde leben, von derzeit 83% auf 87% ansteigen.

Das Durchschnittsalter der Weltbevölkerung wird von 29 Jahren voraussichtlich auf 36 Jahre im Jahr 2050 steigen. Es wird dann 2,2 Mrd. Menschen geben, die über 60 Jahre alt sind; heute sind es rund 750 Mio. In hoch entwickelten Ländern werden mit 416 Mio. Menschen 33%, in weniger entwickelten Ländern mit 1,6 Mrd. 20% und in den am wenigsten entwickelten Ländern mit 185 Mio. 11% der Bevölkerung älter als 60 Jahre sein.

Seit 2008 lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten. Ihr Anteil wird in den kommenden Jahrzehnten weiter zunehmen - 2050 werden es fast drei Viertel sein. Viele Großstädte werden zu Megastädten mit mehr als 10 Mio. Einwohnern werden; ihre Zahl ist von 5 im Jahr 1975 auf 30 im Jahr 2013 angestiegen. In den meisten Städten werden Umweltprobleme (Luftverschmutzung, kein bzw. unsauberes Wasser, Müllberge, unzureichendes Klären von Abwasser) und Armut zunehmen. Derzeit leben rund 30% der Städter - etwa 1 Mrd. Menschen - in Slums; im Jahr 2020 werden es wahrscheinlich 1,4 und 2040 sogar 2 Mrd. sein.

In den 40 weltweit größten Ballungsräumen werden zwei Drittel der Weltwirtschaftsleistung und 85% der technologischen Innovationen erbracht, obwohl hier nur 18% der Weltbevölkerung leben. Die meisten Warenströme verlaufen zwischen diesen Zentren bzw. zwischen ihnen und dem jeweiligen Umfeld. In den Ballungsräumen haben die meisten Konzerne ihren Sitz; hier agiert eine zunehmend global denkende und lebende Elite. Zu ihnen stoßen immer mehr Akademiker und Fachkräfte hinzu, die zuvor in Entwicklungsländern lebten, weil sie in den OECD- bzw. Schwellenländern bessere berufliche Chancen haben und mehr verdienen. Diese Menschen "leben" die Globalisierung, bilden aber nur eine kleine Minderheit: Rund 90% der Weltbevölkerung kennt ausschließlich ihr Heimatland - und hier oft nur die Region um ihren Geburtsort herum. So gibt es im Grunde bloß eine "Semi-Globalisierung" (Pankaj Ghemawat).

Das Weltgeschehen wird in den nächsten Jahren durch eine Vielzahl aktueller bzw. sich abzeichnender Krisen dominiert werden. Dazu gehören beispielsweise:

  • negative Folgen des Outsourcings: Da Unternehmen Arbeitsplätze in "billigere" Länder verlagert haben, ist in vielen höher entwickelten Staaten zum einen die Arbeitslosenquote gestiegen und stagnieren zum anderen die Erwerbseinkommen der Arbeitnehmer. Zudem haben sich in vielen OECD-, Schwellen- und Entwicklungsländern die Arbeitsbedingungen verschlechtert oder wird der Umweltschutz vernachlässigt, weil man entweder Arbeitsplätze halten oder "teurere" Länder unterbieten will. Die Verlagerung von Arbeitsplätzen von höher zu weniger entwickelten Ländern wird erst dann ein Ende finden, wenn Roboter billiger als Arbeitnehmer in Schwellen- und Entwicklungsländern produzieren können oder wenn aufgrund gestiegener Energiepreise die Transportkosten zu hoch werden. Das wird vor allem für Arbeitsplätze in der Industrie gelten, weniger aber für solche im Dienstleistungsbereich, in der Forschung und Entwicklung.
  • Finanzkrise: Sie begann im Frühjahr 2007 mit der US-Immobilienkrise, die u.a. durch die aufgrund sehr niedriger Zinssätze erfolgte Ausweitung der Kreditvergabe an Schuldner mit mäßiger Bonität sowie durch die Verbriefung von US-Hypothekenkrediten und den weltweiten Vertrieb dieser "Collateralized Debt Obligations" verursacht wurde. Die Folgen waren Verluste und Insolvenzen bei Unternehmen der Finanzbranche (insbesondere Banken), die zum Teil nur aufgrund staatlicher Fremdkapitalspritzen weiter bestehen konnten. Die Finanzkrise weitete sich in vielen Ländern zu einer Wirtschaftskrise aus, der die Regierungen durch Konjunkturprogramme zu begegnen versuchten. Dennoch ist in vielen Ländern die Arbeitslosenquote hoch geblieben. Zudem haben Erwerbstätige und Rentner hohe Verluste bei ihren Geldanlagen erlitten, was z.B. in den USA oder in Australien auch in vielen Fällen zur Verschiebung des Renteneintritts führte.
  • Staatsverschuldung: Bedingt durch die Staatshilfen für Unternehmen der Finanzbranche und durch die Konjunkturprogramme stiegen die ohnehin schon hohen Schulden vieler Staaten stark an: laut dem McKinsey Global Institute von 2007 bis 2014 in Japan um 63% auf 234% des Bruttoinlandprodukt, in Großbritannien um 50% auf 92% des BIP, in den USA um 35% auf 89% des BIP und in Deutschland um 17% auf 80% des BIP. Besonders hohe Staatsschulden haben neben Japan z.B. Italien mit 139%, Belgien mit 135%, Spanien mit 132% und Irland mit 115% des Bruttoinlandsprodukts (2014).
  • Euro-Krise: Die hohe Staatsverschuldung führte zu einer neuen Krise auf den Finanzmärkten, da Unternehmen der Finanzbranche (insbesondere Banken) in hohem Maße in Staatsschulden investiert haben. Insbesondere die drohende Staatsinsolvenz Griechenlands (Schuldenquote im Jahr 2014: 183% des Bruttoinlandsprodukts) und die Herabstufung der Kreditwürdigkeit von Irland, Portugal, Italien und Spanien führten dazu, dass diese Staaten am Kapitalmarkt nur noch unter sehr schlechten Konditionen Schulden aufnehmen können und durch IWF, die Euro-Rettungsschirme und die Europäische Zentralbank unterstützt werden müssen. Seit März 2012 bürgt Deutschland für bis zu 280 Mrd. Euro - 30 Jahre lang.

Diese Krisen haben das Vertrauen in das kapitalistische Wirtschaftssystem erschüttert - aber auch in die Politik, da viele Bürger mit den späten, halbherzigen und immer hinter den Ereignissen auf den Finanzmärkten hinterher hinkenden Reaktionen der Politiker nicht zufrieden waren und den Eindruck gewannen, dass Unternehmen der Finanzbranche auf ihre Kosten (Steuern) bzw. unter Beeinträchtigung ihrer Zukunftsaussichten oder derjenigen zukünftiger Generationen (Staatsschulden) gerettet würden. Insbesondere wenn sich die vorgenannten Krisen wieder verschärfen bzw. zu einer lang anhaltenden Rezession oder einer hohen Inflation führen sollten, könnte es zu starken Protestbewegungen und Regierungsumstürzen kommen.

Zudem stehen in den kommenden 30 Jahren weitere Krisen an:

  • Klimawandel: Die zunehmende Erderwärmung könnte in vielen Regionen der Welt zu Dürren und Überschwemmungen führen (s.u.). Viele Menschen müssten dann ihre Siedlungsräume verlassen. So geht das UN-Flüchtlingswerk von rund 250 Mio. Klimaflüchtlingen bis zum Jahr 2050 aus.
  • Ernährungskrise: Das weltweite Bevölkerungswachstum, die von den Ressourcen her aufwändigere Ernährung der zunehmenden Zahl von Mittelschichtsangehörigen in Schwellen- und Entwicklungsländern (z.B. mehr Fleisch- und Milchkonsum), der durch die Urbanisierung bedingte Verlust an zuvor landwirtschaftlich genutzten Flächen, die vielerorts abnehmende Fruchtbarkeit des Ackerbodens, Wassermangel, Erosion und Versteppung werden zu einer Lebensmittelknappheit führen. Hinzu kommt, dass immer mehr Nutzpflanzen für die Erzeugung von Biokraftstoffen verwendet werden (z.B. in den USA rund 40% der Maisernte). So ist seit 2008 ein Rückgang bei der weltweiten Lebensmittelproduktion zu beobachten. Diese Entwicklungen werden zum einen zu weiter steigenden Lebensmittelpreisen führen. Zum anderen könnte die Zahl der Hungernden - von Menschen, die diese Kosten nicht aufbringen können - bis 2050 auf rund 3 Mrd. Personen ansteigen.
  • Energie- und Rohstoffkrise: Auf der einen Seite nimmt der Bedarf an Energieträgern wie Erdöl, Erdgas und Steinkohle sowie an anderen Rohstoffen (insbesondere in den Schwellenländern) rasant zu, auf der anderen Seite schrumpfen die bekannten Vorkommen und werden irgendwann weitgehend ausgebeutet sein. So werden Rohstoffe in den nächsten Jahrzehnten knapper und teurer werden.

Weltweites Bevölkerungswachstum, Klimawandel sowie Ernährungs-, Energie- und Rohstoffkrisen werden die Menschheit verstärkt auf die "Grenzen des Wachstums" stoßen lassen, die der Club of Rome schon in den frühen 1970er Jahren proklamierte. Das kapitalistische System, der verschwenderische Umgang mit natürlichen Ressourcen, der Massenkonsum, die "Wegwerf"-Gesellschaft haben keine Zukunft mehr. Jedoch ist heute das Zeitfenster für Gegenmaßnahmen viel kleiner als vor 40 Jahren. Zudem haben Finanz-, Schulden- und Euro-Krise die Aufmerksamkeit von diesen viel größeren Problemlagen abgelenkt - und gleichzeitig die finanziellen Ressourcen vermindert, die den Staaten für Gegenmaßnahmen zur Verfügung stehen. Die durch die zunehmende Alterung der Bevölkerung in (hoch) entwickelten Ländern bedingten zusätzlichen Kosten für Renten, medizinische Versorgung und Pflege werden in den kommenden Jahren die finanziellen Spielräume noch mehr begrenzen.

Das weitgehende Ignorieren von Problemen und der fehlende politische Wille zu einschneidenden Maßnahmen (z.B. zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes oder zur Geburtenkontrolle) lassen es immer wahrscheinlicher erscheinen, dass die Menschheit das Rennen gegen die Zeit verlieren wird. Dementsprechend nimmt der Zukunftspessimismus zu - auch schon bei Kindern: So hatten beispielsweise bei einer von der Zeitschrift "Eltern family" in Auftrag gegebenen und 2012 veröffentlichten Studie des Instituts Iconkids & Youth bereits 62% der befragten 6- bis 12-Jährigen Angst, irgendwann nicht mehr auf dieser Welt leben zu können - 2006 waren es erst 49%. Mit 69% waren noch mehr Kinder der Meinung, die Erwachsenen kümmerten sich zu wenig um die Umwelt und die Tiere (2006: 54%), und 68% machten die Politiker verantwortlich, die nur "immer sagen, dass sie den Menschen helfen wollen, aber es nicht tun" (2006: 51%).

Benötigte Kompetenzen

Für alle auf dieser Website vorgestellten Zukunftstendenzen gilt grundsätzlich, dass sich Kinder und Jugendliche - vor allem im Schulalter - mit diesen Entwicklungen befassen sollten, damit sie wissen, was in den kommenden Jahrzehnten auf sie zukommen wird. Sie benötigen somit Zukunftswissen. Dazu gehört auch, dass sie sich mit weltweiten Trends wie dem Bevölkerungswachstum in Entwicklungs- und Schwellenländern, der Urbanisierung, der Globalisierung, der zunehmenden Staatsverschuldung und den bevorstehenden Engpässen bei der Versorgung mit Rohstoffen und Lebensmitteln auseinandersetzen, aber auch mit aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrisen. Da Prognosen aber nur begrenzt verlässlich sind, müssen sie auch lernen, mit Ungewissheiten zu leben.

Dabei sollten Kinder und Jugendliche weder Angst vor der Zukunft noch ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit entwickeln ("Daran kann ich ja doch nichts ändern!"). Vielmehr gilt es, aus einem realistischen Zukunftswissen heraus relevante Einstellungen und Verhaltenstendenzen auszubilden: Insbesondere sollten Jugendliche und Heranwachsende die Grenzen des Wachstums akzeptieren, sich also darauf einstellen, dass die (Welt-) Wirtschaft nicht weiter durch Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung wachsen kann und dass der Staat nicht mehr Wohltaten auf Kosten künftiger Generationen verteilen wird, ja nicht nur sparen, sondern auch Schulden abbauen muss. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern haben wir in Deutschland Wohlstand und einen relativ hohen Lebensstandard erreicht, der vermutlich durch eine gerechtere Steuerpolitik, eine bessere Verteilung der Unternehmensgewinne und den Umbau der "Wegwerf"- zur "Recycling"-Gesellschaft gesichert, aber wohl kaum noch ausgeweitet werden kann.

Da die meisten Kinder und Jugendlichen ohne materielle Sorgen aufwachsen und ein Großteil ihrer Konsumwünsche erfüllt wird, mag es ihnen schwer fallen, später zu sparen oder auf etwas zu verzichten. Deshalb sollten sie möglichst frühzeitig auf eventuelle Einschränkungen hinsichtlich ihres Lebensstandards vorbereitet werden, zu denen es in den nächsten Jahrzehnten kommen könnte. Die Lebensqualität sollte für sie eine größere Bedeutung bekommen als der reine Konsum oder das Anhäufen von Besitztümern. Das muss ihr subjektives Wohlbefinden nicht beeinträchtigen. So hat die Glücksforschung gezeigt, dass andere Glücksfaktoren als rein materielle für die Lebenszufriedenheit immer wichtiger werden, je besser die Grundbedürfnisse abgedeckt sind.

Wenn Jugendliche und Heranwachsende realistische Zukunftserwartungen entwickeln, wird zum einen Enttäuschungen und den damit verbundenen Gefahren (z.B. einer Radikalisierung) vorgebeugt. Zum anderen wird die Bereitschaft geweckt, mehr auf sich selbst und sein soziales Netz (Selbsthilfe) als auf den Staat zu setzen, zugunsten anderer Menschen (z.B. Senioren und Pflegebedürftige im eigenen Land, Arme und Hungernde in Entwicklungsländern) auf etwas zu verzichten sowie einen energiesparenden und ressourcenschonenden Lebenswandel anzustreben.

Die neue Weltordnung

Während derzeit die USA als größte Weltmacht das politische Geschehen dominieren, wird für die kommenden Jahrzehnte mit dem Entstehen einer multipolaren Welt gerechnet: China und Indien - aber auch Brasilien und weitere Schwellenländer - werden eine immer größere Rolle in der Weltpolitik spielen. So wird China die USA voraussichtlich schon um das Jahr 2025 herum als global führende Wirtschaftsmacht ablösen - das Land hat mit rund10 Billionen US $ (2014) bereits das zweitgrößte Bruttoinlandsprodukt. Indien könnte bis 2050 den dritten Platz und Brasilien den vierten Platz in der Rangordnung der Wirtschaftsmächte einnehmen. Laut der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers entspricht die Kaufkraft der E7-Länder (China, Indien, Brasilien, Russland, Indonesien, Mexiko, Türkei) bereits 65% der Kaufkraft der G7-Staaten (USA, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Kanada); 2050 könnte sie doppelt so groß sein. Das Bruttoinlandsprodukt in den E7-Ländern werde im Durchschnitt mit 6,4% pro Jahr deutlich schneller wachsen als dasjenige der G7-Staaten mit 2%.

China verfügt mit 166 Mrd. US $ (2012) inzwischen über den zweithöchsten Militäretat der Welt. Die USA werden aber wohl auf absehbare Zeit die größte Militärmacht bleiben (Rüstungsausgaben 2012: 683 Mrd. US $, sinkende Tendenz), aber wirtschaftlich und politisch an Einfluss verlieren. Auf Dauer wird das große Außenhandelsdefizit - es betrug im Jahr 2013 rund 472 Mrd. US $ - nicht tragbar sein. Die 2013 auf über 17 Billionen US $ gestiegene Staatsverschuldung wird in den kommenden Jahren nur abgebremst werden können, wenn das Haushaltsdefizit stark reduziert wird. Es sank in den letzten Jahren von 1.300 Mrd. US $ (2009) auf 680 Mrd. $ (2013).

Die Mittelschicht wird auch in den kommenden Jahren mit kaum wachsendem Einkommen und hohen Privatschulden kämpfen und somit weniger Geld für den Konsum übrig haben. Bei einem Durchschnittseinkommen sank zudem die Kaufkraft unter Berücksichtigung der Inflation von 72.339 US $ (2000) auf 67.530 US $ (2010). Während die Amerikaner bisher vor allem die Wall Street, den Welthandel, Großkonzerne und die Regierung für die schlechte materielle Situation verantwortlich gemacht haben, nehmen sie zunehmend die Spaltung der Gesellschaft zwischen Arm und Reich wahr. So wächst die soziale Ungleichheit seit den 1970er Jahren - unter den OECD-Staaten weisen nur noch Mexiko und die Türkei schlechtere Werte auf dem "Gini-Index" auf, mit dem die Verteilung von Einkommen und Vermögen in einem Land gemessen wird.

Obwohl die Arbeitslosenquote Ende 2013 auf 7,3% gesunken ist, wird die Lage auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt in den kommenden Jahrzehnten aufgrund der starken Bevölkerungszunahme angespannt bleiben. So wird die Zahl der Amerikaner von 310 Mio. im Jahr 2010 auf 362 Mio. im Jahr 2030 und 403 Mio. im Jahr 2050 ansteigen. Aufgrund des schlechten Schulsystems werden viele junge Menschen für anspruchsvollere Jobs nicht qualifiziert sein. Der Bedarf an zusätzlichen Flächen für Ackerbau und Viehzucht, für Häuser, Fabriken und Geschäfte wird auf Kosten von Wäldern gehen. Die Bevölkerungsalterung wird das Sozialversicherungssystem zunehmend belasten. Durch den Klimawandel bedingte Stürme und die zunehmende Wasserknappheit in den westlichen Staaten (inkl. der Staaten östlich der Rocky Mountains) könnten zu großen Wanderungsbewegungen in Richtung Landesinnere bzw. Norden führen. All dies wird die wirtschaftliche und politische Position der USA schwächen.

Europa wird laut dem Bericht "Global Trends 2025" des U.S. National Intelligence Council in den kommenden Jahren wohl eine wichtige Wirtschaftsmacht bleiben, aber nicht zu einem einflussreichen globalen Akteur werden, da nationale Interessen weiterhin eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik erschweren würden. Zudem würden die Entwicklungsmöglichkeiten der EU-Länder durch den Rückgang der arbeitsfähigen Bevölkerung und durch die wegen der Überalterung stark ansteigenden Sozialausgaben immer mehr begrenzt werden. Die Handelsbeziehungen zu Russland und anderen Staaten im Osten könnten an Bedeutung gegenüber der Beziehung zu den USA gewinnen.

Die Situation in Entwicklungsländern, denen es nicht gelingt, zu dem Schwellenländern aufzuschließen, wird sich aufgrund des hohen Bevölkerungswachstums und des Klimawandels (Überschwemmungen, Dürren, Versteppung, Erosion von Böden) verschlechtern. Viele Menschen werden kaum ihren Lebensunterhalt verdienen; in besonders armen Ländern wie Burundi oder der Demokratischen Republik Kongo lag das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf im Jahr 2012 nur bei 240 bzw. 230 US $. Aufgrund der hohen Verschuldung werden die finanziellen Spielräume der Regierungen begrenzt sein. In Entwicklungsländer wird auch in Zukunft wenig investiert werden (außer zur Ausbeutung von Bodenschätzen bzw. Rohstoffen); die weitaus meisten Direktinvestitionen gehen in OECD- und Schwellenländer.

Neben durch (Bürger-) Kriege vertriebene Menschen wird es zunehmend Klimaflüchtlinge geben. Besser qualifizierte Menschen, die in ihrem Heimatland nur wenig verdienen, diskriminiert werden oder keine Zukunftschancen sehen, werden ihr Heil in der Migration suchen. Viele von ihnen werden zurück gebliebene Familienmitglieder finanziell unterstützen - laut Weltbank lagen ihren Überweisungen mit 529 Mrd. US $ im Jahr 2012 höher als die Entwicklungshilfe. Dieser Braindrain wird aber die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in den betroffenen Ländern bremsen.

Benötigte Kompetenzen

Je größer die Bedeutung der E7-Staaten (China, Indien, Brasilien, Russland, Indonesien, Mexiko, Türkei) wird, umso wichtiger wird es, eine auf die westliche Welt, auf Europa oder gar nur auf Deutschland beschränkte Sichtweise zu erweitern und eher global zu denken. Kinder, Jugendliche und Heranwachsende müssen sich vermehrt mit Ländern befassen, die in den kommenden Jahrzehnten eine größere Rolle auf dem Weltmarkt und im politischen Weltgeschehen spielen werden. Das bedeutet natürlich nicht, dass nordamerikanische oder europäische Staaten vernachlässigt werden können - aber die Gewichte müssen verschoben werden.

Kinder, Jugendliche und Heranwachsende benötigen zum einen Wissen über die wichtigsten Regionen und Länder unserer Welt. Dazu gehören Kenntnisse über Geografie, Geschichte, Bevölkerung, Religion, Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Zum anderen sollten Kinder und Jugendliche interkulturelle Kompetenzen für den Umgang mit Menschen aus anderen Ländern ausbilden - seien es Migranten oder Touristen in Deutschland oder seien es Personen, mit denen sie auf Urlaubsreisen zusammentreffen. Aber auch für spätere Studien- oder Arbeitsaufenthalte im Ausland bzw. für geschäftliche Kontakte sind solche Kompetenzen von großer Bedeutung.

Junge Deutsche müssen somit lernen, die Einstellungen, Werte und religiösen Haltungen von Menschen aus anderen Ländern zu tolerieren, sich an deren Sitten, Lebensweisen und Ernährungsgepflogenheiten anzupassen sowie mit ihnen zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten. Gute Englischkenntnisse sind in Zukunft unverzichtbar; bei Bedarf müssen aber auch Sprachen wie Mandarin, Hindi, Spanisch, Portugiesisch oder Russisch beherrscht werden. Mit Englisch und (Hoch-) Chinesisch kann man sich bereits mit der Hälfte der Weltbevölkerung verständigen.

Ferner sollten Kinder und Jugendliche Kenntnisse über Entwicklungsländer erwerben, insbesondere über deren Probleme. Sie sollten Verständnis für arme und hungernde Menschen sowie für Wirtschafts- und Klimaflüchtlinge entwickeln und motiviert werden, diesen (später) im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen.

Umweltveränderung und Klimawandel

In den kommenden Jahrzehnten wird die Umwelt immer stärker durch Überbevölkerung und Urbanisierung beansprucht werden. Durch den Klimawandel, die Monokulturen und den Anbau von Pflanzen, die auf dem Weltmarkt gefragt sind, aber vor Ort nur dank der rücksichtslosen Ausbeutung von Boden und Wasserressourcen wachsen, werden immer mehr Landstriche unfruchtbar werden. Derzeit ist ein Drittel der weltweiten Ackerfläche von Erosion betroffen, während immer mehr Weideland aufgrund von Überweidung durch Rinder, Schafe und Ziegen verloren geht. Laut UN ist ein Viertel aller landwirtschaftlich genutzten Flächen von Versteppung bedroht - und damit der Lebensunterhalt von mehr als 1 Mrd. Menschen in rund 100 Ländern. Jedes Jahr werden 1.390 Quadratmeilen Land zu Wüste.

Ferner nimmt die Umweltzerstörung durch das Abholzen der Urwälder immer weiter zu. Weltweit wird jedes Jahr die dreifache Fläche der Schweiz vernichtet - mit verheerenden Folgen für das Klima, produzieren die tropischen Regenwälder doch 40% des Sauerstoffs. Rund 55% des Amazonas-Regenwaldes könnten bis zum Jahr 2030 zerstört werden; in Afrika sind nur noch 8% des Urwalds unberührt.

Die Zerstörung der Umwelt führt zu einem starken Rückgang an Biodiversität. Bis zum Jahr 2050 könnten neben vielen Pflanzenarten etwa 30% der Amphibien, 23% der Säugetiere und 12% der Vögel ausgestorben oder vom Aussterben bedroht sein; rund 70% aller Korallenriffe dürften zerstört sein. Und falls die Überfischung nicht gestoppt wird, wird es im Jahr 2050 laut UN keine kommerzielle Fischerei mehr geben. Damit wären 1 Mrd. Menschen ihrer einzigen Proteinquelle beraubt.

Während in den OECD-Staaten die Umweltverschmutzung reduziert wurde, wird sie in den Schwellen- und Entwicklungsländern aufgrund der rasanten Industrialisierung immer größer. Zudem hat der von der Welthandelsorganisation (WTO) vorangetriebene Abbau von nichttarifären Handelshemmnissen (z.B. Importquoten oder Produktionsstandards) dazu geführt, dass viele Staaten Gesetze zum Umwelt- und Verbraucherschutz "verwässert" haben. Dadurch leidet auch die Gesundheit der Menschen.

Die Zukunft der Menschheit wird außerdem durch den Klimawandel beeinträchtigt. So ist seit der Industrialisierung ein von Menschen verursachter weltweiter Temperaturanstieg zu beobachten, der bisher ca. 1 Grad beträgt und sich immer mehr beschleunigt. Er ist mit einem Anstieg von Naturkatastrophen und einer Ausbreitung von Krankheiten wie Malaria, Cholera und Dengue-Fieber gen Norden verbunden.

Der Temperaturanstieg wird größtenteils durch den zunehmenden Ausstoß von Kohlendioxid bedingt; im Jahr 2013 waren es rund 36 Mrd. Tonnen - so viel wie nie zuvor. So ist das CO2 in der Atmosphäre seit der Industrialisierung von ca. 260 ppm auf 400 ppm im Jahr 2013 gestiegen. Da es mehr als 120 Jahre dauert, bis CO2 durch biologische und physikalische Prozesse aus der Atmosphäre entfernt worden ist, wird die Konzentration auch bei einem Rückgang der Emissionen weiter zunehmen. Von einer solchen Reduzierung ist die Welt aber trotz mehrerer Klima-Gipfel noch weit entfernt; vielmehr wird aufgrund der weiter steigenden Weltbevölkerung, der Konsumorientierung in den hoch entwickelten Ländern und dem rasanten Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern mit einem noch größeren CO2-Ausstoß gerechnet. Alleine in China wird inzwischen mehr Kohle verbrannt als in den USA, in der EU und in Japan zusammengenommen - und jedes Jahr werden es 10% mehr. Deshalb wird nach den meisten Prognosen bis 2050 mit einem weiteren Temperaturanstieg um bis zu 2 Grad und bis 2100 um 4 bis 6 Grad gerechnet.

Aufgrund der höheren Temperaturen und der damit zusammenhängenden größeren Verdunstung hat die Niederschlagsmenge in den letzten 100 Jahren um rund 7% zugenommen. Allerdings gibt es erhebliche regionale Unterschiede: Während die Niederschläge in den Tropen und in den hohen Breiten der Nordhemisphäre stark angestiegen sind, haben sie in den semiariden Gebieten wie der Sahel-Zone abgenommen. In Südeuropa, im Südwesten der USA und in Australien könnten Trockenperioden spätestens ab 2050 das regionale Klima bestimmen und zu immer mehr Waldbränden führen.

Die Entwicklungsländer werden von der Erderwärmung besonders stark betroffen sein: Alleine das Abschmelzen der Himalaya-Gletscher wird 1 Mrd. Menschen mit Wassermangel konfrontieren. In Indien wären dann 70% der Bevölkerung von Dürren unmittelbar betroffen, weil ihre Existenz von der Landwirtschaft abhängt. Im Jahr 2025 werden rund 1,8 Mrd. Menschen und im Jahr 2050 ca. 2,3 Mrd. Menschen in Gebieten mit extremer Wasserknappheit leben. So könnten politische und gesellschaftliche Spannungen wegen der Verteilung des vorhandenen Wassers zunehmen.

Aufgrund des Abschmelzens von Gletschern und des Eises in Arktis und Antarktis steigt der Meeresspiegel um 3,4 mm pro Jahr. Im Extremfall könnte er zur Jahrhundertwende um 1,9 m höher liegen als heute. Alleine der Anstieg des Meeresspiegels um einen halben Meter, zu dem es schon vor dem Jahr 2050 kommen könnte, bedroht 136 Millionenstädte an den Küsten und gefährdet Vermögenswerte von mehr als 18 Billionen Euro.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf Deutschland dürften aber relativ gering sein: Nach langfristigen Prognosen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) werden die Sommer heißer und trockener werden. Unter der Trockenheit werden die Schifffahrt und vor allem die Kraftwerksbetreiber leiden: Über die Hälfte des aus der Natur entnommenen Wassers wird in Deutschland von der Energiewirtschaft verbraucht. Ferner können Hitze und Trockenheit regional zu Ernteeinbußen führen. Auch könnte es zu einem Fichtensterben in den Wäldern kommen. Wärme- und trockenheitstolerante Baumarten wie Buche, Eiche oder Ahorn werden zunehmend Nadelbäume ersetzen.

Die Winter werden künftig in Deutschland deutlich milder und feuchter ausfallen als heute; der Heizbedarf wird sinken. Es wird aber mit schweren Stürmen und sintflutartigen Regenfällen im Winter gerechnet, verbunden mit Hochwasser und Murenabgängen in den Bergen. Außerdem müssen sich die Küstenländer auf höhere Sturmfluten einstellen. Das Forschungszentrum Geesthacht geht davon aus, dass Sturmfluten an der Nordsee bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu 1,1 Meter höher sein könnten als bisher.

Benötigte Kompetenzen

Einerseits sollten Kinder und Jugendliche Wissen über die Bedeutung natürlicher Ressourcen und der Artenvielfalt, über die weltweite Umweltzerstörung und -verschmutzung sowie den Klimawandel erwerben und andererseits ein Umweltbewusstsein und Liebe zur Natur entwickeln. Allerdings hat in den letzten Jahren die Naturentfremdung aufgrund von Urbanisierung und Verhäuslichung zugenommen - es wird sogar schon von einer "Natur-Defizit-Störung" (Richard Louv) gesprochen. So sollten Kinder und Jugendliche mehr Naturerfahrungen machen, denn nur das, was man liebt, ist man auch bereit zu schützen. Dann werden sie als Heranwachsende und Erwachsene praktischen Umweltschutz betreiben, also z.B. versuchen, ihren "ökologischen Fußabdruck" (Mathis Wackernagel/ William E. Rees) so klein wie möglich zu halten. Zugleich werden sie bereit sein, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten für den weltweiten Umweltschutz einzusetzen. Wissen sie, dass die westliche Welt die Erderwärmung weitgehend verursacht hat und noch zu ihr beiträgt, werden sie auch Klimaflüchtlinge unterstützen und eventuell in Deutschland willkommen heißen.

Wissensexplosion und technologischer Wandel

In den Jahrhunderten bis zur Erfindung des Buchdrucks hat sich das Wissen der Menschheit nur ganz langsam vermehrt - und über Jahrhunderte hinweg waren sogar Rückschritte zu verzeichnen (z.B. in Europa während des "finsteren" Mittelalters). Seitdem Bücher und Zeitschriften die Verbreitung von Wissen ermöglichen und insbesondere seit Beginn der Industriellen Revolution steigt das Wissen exponentiell an: Jedes Jahr wird immer mehr Wissen von einer immer größer werdenden Zahl von Wissenschaftlern, Ingenieuren und anderen Fachleuten produziert, das dank neuer Medien (z.B. Internet, E-Books, E-Journals) immer schneller verbreitet werden kann. Die Halbwertszeit des Wissens, also jener Zeitraum, in dem Wissensinhalte durch neue Erkenntnisse aus Forschung, Entwicklung und Praxis ersetzt werden, liegt inzwischen bei unter vier Jahren.

So befinden wir uns derzeit in einer Übergangsphase von der Dienstleistungs- zur Wissensgesellschaft. Wie durch die Technisierung immer mehr Arbeitsplätze von Land- und Fabrikarbeitern weggefallen sind, werden in Zukunft auch immer mehr Dienstleistungen automatisiert bzw. von Robotern übernommen werden. Eine zunehmende Zahl von Menschen - Wissenschaftler, Ingenieure, Techniker, Lehrer, Fortbildner - wird mit der Wissensproduktion und -verbreitung befasst sein. Dabei müssen sie sich aufgrund der sich beschleunigenden Wissensexplosion immer stärker spezialisieren, da sie nur dann in ihrem (kleiner werdenden) Spezialgebiet auf dem Laufenden bleiben können. Auch wird die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes immer mehr davon abhängen, über wie viel (neues) Wissen es als kulturelles Kapital verfügt.

Mit dem exponentiellen Wachstum des Wissens ist eine entsprechende Beschleunigung der technischen Entwicklung verbunden. Im Gegensatz zum letzten Jahrhundert verläuft sie nicht nur schneller, sondern auch auf immer mehr Gebieten gleichzeitig. Während im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst die Dampfmaschine und dann der Verbrennungsmotor die technische Entwicklung dominierten, gibt es heute keine dominanten Technologien mehr: Informations-, Kommunikations-, Bio- und Nanotechnologie, Medizin-, Gen-, Fahrzeug-, Luft- und Raumfahrttechnik, Maschinenbau und Robotik entwickeln sich mit einer rasanten Geschwindigkeit weiter. Große Fortschritte werden auch bei der Nutzung erneuerbarer Energien und bei der Herstellung von Biotreibstoff aus ganz unterschiedlichen Substanzen gemacht.

Die exponentielle Zunahme des Wissens und die sich beschleunigende technische Entwicklung sind für viele Menschen unverständlich und machen ihnen Angst. Sie fühlen sich von all dem Neuen überwältigt und haben das Gefühl, den Anschluss zu verpassen - oder bereits verpasst zu haben. Humanethologen erklären dies damit, dass die Menschheit von ihrem Erbgut und ihrer Stammesgeschichte her nur auf kleine, linear verlaufende Veränderungen eingestellt sei. So ist es nicht verwunderlich, dass sich manche Menschen diesen rasanten Entwicklungen gegenüber verschließen oder sich sogar in rigide Glaubenssysteme flüchten. Beispielsweise sind nach einer im Dezember 2010 veröffentlichten Gallup-Umfrage 40% aller US-Bürger der Meinung, dass Gott vor 10.000 Jahren die Menschen in ihrer jetzigen Gestalt geschaffen habe. Weitere 38% sind Anhänger des "Intelligent Design", sodass nur 16% die Evolutionstheorie voll und ganz akzeptieren.

Auch viele Politiker und andere gesellschaftliche Kräfte haben Schwierigkeiten, mit der Wissensexplosion und dem rasanten technischen Wandel sowie mit der damit zusammenhängenden zunehmenden Komplexität der Wirtschafts- und Finanzsysteme zurechtzukommen und bei Bedarf (wie z.B. bei der Euro-Krise) auf effektive Weise steuernd einzugreifen.

In den kommenden Jahrzehnten werden Menschen von immer mehr Technik an ihren Arbeitsplätzen, in ihren Wohnungen und auf öffentlichen Flächen umgeben sein. Beispielsweise werden Heizung, Klimaanlage, Kühlschrank und andere Haushaltsgeräte miteinander vernetzt sein und zentral gesteuert werden können. Autos werden zunehmend über neue Antriebstechnologien und Sicherheitssysteme verfügen; auf manchen Strecken werden sie auch vollautomatisch fahren können. Computer werden noch viel leistungsfähiger und kleiner werden. Bis 2030 werden sie das gesprochene Wort und handschriftliche Texte verstehen sowie auf Fragen verbal antworten, sodass Tippen dann genauso selten wird wie heute das Briefeschreiben. Computer werden Daten nicht nur speichern, sondern auch deren Bedeutung erfassen (semantisches Web). Die immer größer werdenden Datenmengen werden von Computersystemen wie den so genannten "Wissensmaschinen" strukturiert oder nach den Vorgaben eines Menschen von dessen "Intelligentem Agenten" selbständig durchsucht werden.

Aufgrund der Informationsflut wird es immer schwieriger werden, den Überblick zu behalten sowie Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Deshalb werden Computerprogramme für Datenmanagement und -analyse eine immer größere Bedeutung erhalten. Zunehmend werden sie auch Informationen verarbeiten, die von Maschinen erzeugt wurden, für deren Steuerung benötigt werden oder für andere Maschinen bestimmt sind. Während heute etwa 400 Mio. Geräte über das Internet verbunden sind, könnten es 2020 bereits 50 Mrd. sein. Immer mehr Systeme werden vollautomatisch kontrolliert werden - von Atomkraftwerken über Stromnetze bis hin zu Kommunikationssystemen.

Hier wird deutlich, dass technische Prozesse zunehmend von künstlicher Intelligenz gesteuert werden. Diese spielt auch eine große Rolle in der Robotik. Während z.B. in den USA vor allem Erkundungs- und Militärroboter für die Kriegsführung entwickelt werden, konzentriert sich Japan auf die Entwicklung von Servicerobotern, die die zunehmende Zahl alter Menschen versorgen und die durch den Rückgang der Zahl erwerbsfähiger Erwachsener frei werdenden Arbeitsplätze ausfüllen können. Industrieroboter werden in hoch entwickelten Ländern schon seit langem in Fabriken eingesetzt. Inzwischen gibt es aber auch Roboter, die wie Menschen aussehen, alten oder behinderten Menschen assistieren, Haushaltstätigkeiten übernehmen, Musikinstrumente spielen, als Empfangsdamen oder Fremdenführer fungieren oder bei Theaterstücken mitwirken.

Um das Jahr 2025 herum werden Roboter selbständig Aufgaben erledigen können - ohne Anwesenheit von bzw. Überwachung durch Menschen. Rund 15 Jahre später werden sie die meiste Arbeit in der Landwirtschaft und in der Industrie sowie einen großen Teil einfacherer Dienstleistungen übernehmen können. In manchen Sektoren könnten sie zwischen einem Drittel und der Hälfte der derzeit dort beschäftigten Arbeitnehmer ersetzen. Dies wird weniger ein Problem für Länder mit niedriger Geburtenrate sein, da hier die Zahl der Personen im Erwerbsalter abnimmt. Auch werden es die geringen Kosten bzw. wird es die hohe Produktivität von Robotern erleichtern, die zunehmende Zahl von Rentnern zu unterhalten. In anderen Ländern könnte diese Entwicklung jedoch zu einer rasant ansteigenden Arbeitslosigkeit führen, zumal hoch entwickelte Staaten Fabriken zurückverlagern dürften, wenn die Produktion durch Roboter preiswerter ist als durch "Billigarbeiter".

Nach dem Jahr 2030 werden (humanoide) Roboter wahrscheinlich intelligenter als Menschen sein und dann auch ein eigenes Bewusstsein haben. Sie werden in einem hohen Maße lern- und anpassungsfähig sein. Zudem werden sie selbständig neue Roboter herstellen können, wobei jede "Generation" intelligenter und leistungsfähiger als die vorausgegangene sein dürfte. So werden Roboter immer autonomer werden.

Aber auch die Menschen werden sich weiterentwickeln. So wird die Medizin immer mehr Krankheiten heilen können, was nach 2025 zu einem großen Sprung bei der Lebenserwartung führen dürfte (auf 100 und mehr Jahre). Allerdings könnte die rasante Zunahme Antibiotika-resistenter Erreger auch dazu führen, dass wieder mehr Menschen an Infektionskrankheiten sterben werden. In Zukunft werden Biosensoren die wichtigsten Körperfunktionen überwachen und frühzeitig Erkrankungen entdecken. Die Diagnostik wird auch durch Microarrays - molekularbiologische Untersuchungssysteme - verbessert werden, durch die menschliche Zellen auf der biochemischen Ebene analysiert werden können, inklusive der DNA. Mit Hilfe von Nanorobotern von der Größe einer Blutzelle werden z.B. Krankheitserreger, Plaque oder Krebszellen ausfindig gemacht und zerstört werden. Zudem werden in absehbarer Zeit Organe, Adern, Knochen und Haut aus körpereigenen Zellen mit Hilfe von Bioprintern hergestellt werden. Ferner können Behinderungen im körperlichen und Sinnesbereich immer besser durch technische Hilfsmittel und Implantate kompensiert werden - sofern ihre Entstehung nicht durch Gentherapie verhindert worden ist.

Erkenntnisse aus Medizin, Hirn- und Genforschung werden auch eingesetzt werden, um Menschen leistungsfähiger zu machen. Das könnte z.B. bei Embryos durch Eingriffe in das Erbgut oder bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen durch Psychopharmaka geschehen, die das Lernen erleichtern oder das Wachstum neuer Gehirnzellen anregen. Manche Zukunftsforscher erwarten auch Gehirnimplantate, mit deren Hilfe Menschen nonverbal kommunizieren oder durch die Informationen und Kenntnisse von einem Computer aus in das Gehirn (und umgekehrt) übertragen werden. Ferner könnte es in Einzelfällen zum Austausch von menschlichen Gliedmaßen durch künstliche kommen, sodass diese Cyborgs z.B. im Sport bessere Leistungen erbringen würden. Ansonsten lässt sich die Körperkraft schon jetzt durch Exoskelette steigern.

Neben der ethischen Problematik ist hier noch zu bedenken, dass sich vermutlich nur reiche Menschen bzw. Länder solche Verbesserungen körperlicher und geistiger Fähigkeiten leisten werden. So könnten die bereits bestehenden Unterschiede zwischen Wohlhabenden und Ärmeren bzw. zwischen reichen und armen Ländern weiter vergrößert werden. Ferner könnten auch Diktatoren oder Verbrecher diese Mittel nutzen, um ihre Macht zu vergrößern.

Auf jeden Fall ist damit zu rechnen, dass um das Jahr 2040 herum autonome, lernfähige und intelligente Roboter sowie medizinisch-medikamentös, gentechnisch und technologisch "verbesserte" Menschen koexistieren werden. Die weitere Entwicklung der Menschheit wird dann durch die Biologie begrenzt sein - die der Roboter aber nicht...

Benötigte Kompetenzen

In der sich anbahnenden Wissensgesellschaft müssen sich Kinder, Jugendliche und Heranwachsende einerseits ein möglichst breites Allgemeinwissen und andererseits immer spezieller werdende berufliche Kenntnisse aneignen. Besonders positiv ist, wenn sie Interesse an den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), an den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sowie an Medizin und Hirnforschung entwickeln, da diese Disziplinen von besonderer Bedeutung für die Zukunft Deutschlands sind.

Da das Wissen immer schneller zunimmt und einmal erworbene Kenntnisse rasch veralten, werden auch lernmethodische Kompetenzen immer wichtiger: Kinder, Jugendliche und Heranwachsende müssen lernen, wo man auf effiziente Weise jeweils relevante Informationen findet, wie man ihren Wert und ihre Verlässlichkeit beurteilt und wie man sie in bereits vorhandene Kenntnisse integriert - sie müssen das Lernen lernen. Dazu wird in Zukunft auch gehören, dass sie Computerprogramme für Datenmanagement und -analyse sowie Wissensmaschinen und Intelligente Agenten verwenden können.

Außerdem müssen junge Menschen lernen, das erworbene Wissen zu nutzen und zu kommunizieren: Da das eigene Spezialgebiet immer kleiner wird, werden sie als Erwerbstätige in den meisten Arbeitsfeldern zunehmend mit Spezialisten mit anderen Schwerpunkten kooperieren müssen. Sie müssen in diese Teams ihr Fachwissen so einbringen, dass die anderen Mitglieder es verstehen können - nur durch das Zusammenspielen und Verknüpfen unterschiedlicher Spezialkenntnisse wird das jeweilige Team seinen Arbeitsauftrag erfüllen können.

Neben der lernmethodischen Kompetenz sind aber nicht nur Kommunikations- und Kooperationsfähigkeiten von Bedeutung, sondern auch grundlegende Haltungen: Neugier, Lernmotivation, Forschungsdrang, Experimentierfreude, Konzentrationsfähigkeit, Durchhaltevermögen usw. Als besonders wichtig gelten ferner die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen sowie die Ausbildung von Reflexionsfähigkeit, Urteilsvermögen und Problemlösekompetenz.

Je schneller der technologische Wandel verläuft und je mehr Technikbereiche gleichzeitig betroffen sind, umso bedeutsamer wird auch die Anpassungsfähigkeit des jeweiligen Menschen: Kinder, Jugendliche und Heranwachsende dürfen keine Angst vor neuen Technologien und Geräten haben, sondern sollten sich ihnen neugierig und experimentierfreudig nähern. Das gilt ebenfalls für die Zusammenarbeit mit Robotern, die auch dann nicht als Konkurrenten oder gar als Feinde betrachtet werden dürfen, wenn sie dank großer künstlicher Intelligenz und ausgefeilter technischer Fertigkeiten leistungsfähiger als Menschen geworden sind.

Bedenkt man, dass in den kommenden Jahren Rohstoffe und Energieträger immer knapper werden und dass Umweltzerstörung und -verschmutzung weiter zunehmen werden (s.o.), ist auch eine kritische Haltung gegenüber neuen technischen Errungenschaften nötig. Schon Kinder und Jugendliche sollten beurteilen können, ob sie z.B. immer das aktuellste Smartphone oder die leistungsstärkste Spielkonsole benötigen. Nur dann werden sie als Erwachsene Technologiesprünge erst einmal bewerten, bevor sie neue Geräte kaufen. Solch eine kritische Haltung wird auch dann sinnvoll sein, wenn es um die Nutzung von Medikamenten, humangenetischen Verfahren, Implantaten oder künstlichen Gliedmaßen geht, um die eigene Leistungsfähigkeit zu verbessern, oder wenn technische Errungenschaften mit Risiken verbunden sind.

Wirtschaft und Arbeitsmarkt

Inwieweit sich Deutschland in Zukunft auf dem Weltmarkt behaupten kann, wird davon abhängen, ob der Wirtschaft der Übergang von der Dienstleistungs- zur Wissensgesellschaft gelingt und ob sie bei den vorgenannten Zukunftstechnologien und -branchen wettbewerbsfähig bleibt. Eine immer größere Rolle wird auch dem Social Commerce zukommen, also dem Ermöglichen von sozialen Interaktionen beim Shopping im Internet. Ferner müssen mehr Produkte und Dienstleistungen für Senioren entwickelt werden - schon heute stammt jeder dritte Euro, der in Deutschland privat ausgegeben wird, von einem Menschen über 60 Jahre; im Jahr 2050 werden es mehr als 40% sein. Schließlich muss die deutsche Wirtschaft immer schneller neue Produkte zur Marktreife führen können. So werden die Produktzyklen kürzer: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts dauerte der Weg von der Idee über die Erfindung bzw. das Patent bis hin zur Massenproduktion 40 Jahre; Mitte des 20. Jahrhunderts waren es 30 Jahre; heute sind es nur noch 6 Monate und bei manchen Produkten sogar gerade einmal 6 Wochen.

Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland liegen in den zu geringen Ausgaben für Forschung und Entwicklung, die im Jahr 2011 nur 2,84% des Bruttoinlandsprodukts ausmachten und damit weit unter den Aufwendungen anderer Staaten lagen (z.B. Dänemark: 3,09%, Schweden: 3,37%, Finnland: 3,78% des BIP). Für ein Land, das arm an natürlichen Ressourcen ist, sind auch die weltweit immer schneller schwindenden Rohstoffvorkommen ein großes Risiko. So wird schon seit Jahren vor einer Energie- und Rohstoffkrise gewarnt (s.o.). Dann würden Erze und fossile Energieträger immer teurer werden. Aufgrund der steigenden Preise, aber auch der höher werdenden Löhne in den Schwellenländern, könnte es dann in der Weltwirtschaft zu einer Regionalisierung kommen: Wenn die Herstellungskosten in fernen Ländern und die Transportkosten zu hoch werden, könnte das Insourcing das Outsourcing ersetzen: Viele Produktionszweige würden dann nach Deutschland zurückverlagert werden - falls es genügend Arbeitskräfte gibt...

So werden in den kommenden 5 bis 10 Jahren mehr als 20% der Arbeitnehmer in Dax-Konzernen in Rente gehen - Menschen aus geburtenstarken Jahrgängen. Die Konkurrenz der Arbeitgeber um die aufgrund des Geburtenrückgangs immer weniger werdenden Berufsanfänger wird größer werden, was sich wahrscheinlich auf die Anfangslöhne und -gehälter auswirken und zu einer Verringerung des Abstands zum Endeinkommen führen wird. Zudem werden im Jahr 2030 bereits 40% der Berufseinsteiger einen Migrationshintergrund haben - und diese liegen derzeit hinsichtlich ihrer schulischen Qualifikation weit hinter deutschen Berufseinsteigern.

Vermutlich werden der Prognos AG zufolge dem deutschen Arbeitsmarkt schon im Jahr 2015 fast 3 Mio. Kräfte fehlen, davon gut 1 Mio. Fachkräfte mit Hochschulabschluss. Bis 2030 werde die Fachkräftelücke auf rund 5,5 Mio. anwachsen, wobei vor allem höher qualifizierte Arbeitnehmer gesucht würden: Die Zahl der einfach qualifizierten Arbeitnehmer werde von derzeit 9 auf 8 Mio. im Jahr 2030 sinken.

Als Folge der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland werden die Belegschaften immer älter werden: Das Durchschnittsalter der Arbeitnehmer wird von derzeit 42 auf 48 Jahre im Jahr 2050 steigen. Die Altersspanne der Mitarbeiter wird in manchen Unternehmen und Behörden 55 Jahre umfassen. Entgegen der Befürchtungen vieler Arbeitgeber bedeutet dies nicht, dass Innovationskraft und Produktivität leiden werden. So zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass Unternehmen mit einem höheren Anteil älterer Arbeitnehmer nicht per se weniger produktiv sind.

Die Alterung der Belegschaften wird die Arbeitgeber zu einer Änderung ihrer bisher stark jugendzentrierten Personalpolitik zwingen und sie sehr viel seltener als bisher von der Möglichkeit der Frühverrentung Gebrauch machen lassen. Je mehr das Durchschnittsalter der Arbeitnehmer ansteigt und je weniger jüngere Arbeitssuchende auf dem Arbeitsmarkt zu finden sind, umso wichtiger werden Fort- und Weiterbildung für den Erhalt von Berufsfähigkeit und Arbeitsleistung - schließlich müssen dann Innovation und Produktivitätszuwächse vermehrt von älteren Arbeitnehmern geleistet werden. Auch werden Arbeitsplätze zunehmend altersgerecht gestaltet werden, beispielsweise durch ergonomische Neuerungen, technische Unterstützungssysteme und kreativere Arbeitszeitmodelle. Ferner wird mehr Wert auf die betriebliche Gesundheitsförderung gelegt werden.

In den kommenden Jahren wird die Arbeitswelt zunehmend "feminisiert" werden: Spätestens im Jahr 2030 werden mehr Frauen als Männer erwerbstätig sein. So schrumpft die Zahl der Hausfrauen immer mehr - aber auch die Zeitdauer von geburtenbedingten Berufsunterbrechungen, da Kleinkinder immer früher und länger Tageseinrichtungen und ältere Kinder immer häufiger Ganztagsschulen besuchen. Zudem müssen mehr Frauen arbeiten, weil sie alleinstehend sind, weil das Einkommen der (Ehe-) Partner nicht ausreicht, weil sie bei generell sinkenden Rentenansprüchen eine eigene Altersversorgung aufbauen wollen oder weil sie als Geschiedene bzw. Alleinerziehende nicht mehr wie früher Unterhalt für sich selbst erhalten. Und immer mehr Frauen wollen arbeiten, weil sie eine gute Berufsausbildung erworben oder ein Studium abgeschlossen haben, weil sie durch ein eigenes Einkommen unabhängig bleiben möchten oder weil sie Selbstverwirklichung und Anerkennung im Beruf suchen.

Da junge Frauen inzwischen bessere Schul-, Berufs- und Hochschulabschlüsse erwerben als Männer, da sie immer häufiger keine Kinder bekommen (derzeit bleibt mehr als ein Fünftel aller Frauen kinderlos) und da die Familiengründung seltener als früher ein Karrierehindernis ist (wegen einer nur kurzen Elternzeit und der Ganztagsbetreuung von Kindern), werden sie in den kommenden Jahren zunehmend in Führungspositionen hineinrücken. Laut dem Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski werde die Wirtschaft bis 2030 vom "patriarchalischen" System Abschied nehmen und einen eher "weiblichen" Führungsstil favorisieren: Frauen würden pragmatischer denken und effizienter arbeiten, langfristig planen, Sitzungen straffer leiten, risikoreiche Investitionen meiden und besser mit Geld umgehen.

Gleichzeitig werden die Karrierechancen für Männer schlechter werden. Hinzu kommt, dass in der Wissensgesellschaft traditionell männliche Eigenschaften wie körperliche Arbeitskraft, Aggressivität und Risikobereitschaft weniger gefragt sind als eher weibliche Eigenschaften wie Kommunikationsfähigkeit, Sozialkompetenz, Informations- und Zeitmanagement.

In den kommenden Jahren werden in Fabriken immer mehr Arbeitsgänge von Robotern übernommen werden. So werden weniger Menschen als Arbeiter tätig sein. Der Dienstleistungssektor wird hingegen an Bedeutung gewinnen, wobei aber auch hier einfache Tätigkeiten zunehmend automatisiert werden. Dementsprechend werden niedriger qualifizierte Stellen seltener werden. In Zukunft werden selbst für relativ einfache Arbeiten gute IT- und Fremdsprachenkenntnisse erforderlich sein. Beispielsweise müssen Automechaniker schon jetzt mit Computern und Elektronik umgehen können. Auch benötigen sie ein Grundvokabular in Englisch, da viele Programme in dieser Sprache abgefasst sind.

Die Konkurrenz um niedriger qualifizierte Stellen wird somit größer werden - was vermutlich zu einer geringeren Entlohnung führen wird. Hingegen werden hoch qualifizierte Personen - auch aufgrund des größer werdenden Fachkräftemangels und der zunehmenden Konkurrenz zwischen den Arbeitgebern - immer besser verdienen. Allerdings werden sie dafür eine hohe Arbeitsleistung erbringen müssen und somit unter einem enormen Leistungsdruck stehen. Sie werden häufiger als Selbständige tätig sein, zum Teil mit erfolgsabhängiger Entlohnung.

Mitte 2013 gab es in Deutschland 41,8 Mio. Erwerbstätige, von denen 29,3 Mio. sozialversicherungspflichtig, 4,8 Mio. ausschließlich geringfügig entlohnte Beschäftigte und 4,5 Mio. Selbständige waren. Zu Letzteren gehören sowohl gut verdienende Freiberufler mit Angestellten als auch Ich-AGs mit geringem Einkommen und "Schein-Selbständige", die nur für eine Firma arbeiten und entsprechend der erledigten Aufträge bezahlt werden. Im Jahr 2012 gab es 2,3 Mio. solcher "Solo-Selbständiger" - rund die Hälfte dieser Erwerbstätigen.

Für die Zukunft wird erwartet, dass die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zurückgehen wird. So ist laut Mikrozensus die Zahl der Teilzeitbeschäftigungen von weniger als 20 Wochenstunden einschließlich geringfügige Beschäftigungen, befristete Arbeitsverhältnisse und Leiharbeit von 1991 bis 2010 um 3,5 Mio. gestiegen (aufgrund der guten Konjunktur dann wieder um 307.000 auf 7,6 Mio. im Jahr 2013 gefallen). Auch in Zukunft werden viele Arbeitnehmer Teilzeitjobs oder befristete Stellen annehmen müssen, zeitweise freiberuflich tätig sein bzw. zwischen verschiedenen Beschäftigungsformen wechseln, mal mehr, mal weniger verdienen. Dies wird keinesfalls nur für gering qualifizierte Arbeitnehmer gelten, sondern ebenfalls für viele Akademiker mit einem "falschen" Hochschulabschluss.

Trotz Bevölkerungsrückgang und Fachkräftemangel wird es auch in absehbarer Zeit eine hohe Arbeitslosenquote geben. Un- und angelernte Arbeitnehmer sowie solche ohne verwertbare Qualifikationen werden es noch schwerer als heute haben, eine Beschäftigung zu finden. Da der Staat aufgrund der hohen Ausgaben für Senioren und Kranke voraussichtlich nur noch sehr begrenzte Leistungen für Langzeitarbeitslose erbringen kann, wird deren Lebensstandard niedrig sein. Manche wenig qualifizierte Menschen werden aber in Selbsthilfenetzwerken ein Auskommen oder in der Schattenwirtschaft einen Zusatzverdienst finden.

Benötigte Kompetenzen

Eignen sich Kinder, Jugendliche und Heranwachsende kognitive, lernmethodische, kommunikative und kooperative Kompetenzen sowie Allgemein- und (später) Spezialwissen an (s.o.), werden sie sich auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft behaupten können. Sie sollten somit nach möglichst hohen Qualifikationen trachten - und natürlich nach solchen, die von potenziellen Arbeitgebern nachgefragt werden.

Aber auch Kreativität, Innovationsfähigkeit und Produktivität sind wichtige Kompetenzen für die Zukunft, da immer schneller neue Produkte entwickelt werden müssen, die zudem vom Design und ihren Eigenschaften her besonders ausgefallen sein sollen. Da die Produktionszyklen immer kürzer sein werden, sind hinsichtlich ihrer Planung organisatorische Fähigkeiten von Bedeutung. Um neue Produkte oder Dienstleistungen so schnell und so effektiv wie möglich auf dem Markt zu platzieren, sind unternehmerische Kompetenzen nötig.

Da in Unternehmen, Behörden, Verbänden und Organisationen zum einen die Altersspanne zwischen den Mitarbeitern immer größer werden wird und da zum anderen hier immer mehr Menschen mit ganz unterschiedlichen Migrationshintergründen zusammenarbeiten müssen, werden in Zukunft intergenerationale und interkulturelle Kompetenzen eine größere Rolle spielen. Jugendliche und Heranwachsende müssen die Bereitschaft entwickeln, als Erwachsene Mitarbeiter mit einem anderen Geschlecht, einer anderen Herkunft oder aus einer anderen Altersgruppe vorurteilsfrei als Vorgesetzte, Kollegen oder Untergebene zu akzeptieren. Junge Männer sollten auch eher "weibliche" Fähigkeiten wie Kommunikationsfertigkeiten, Sozialkompetenz und Zeitmanagement entwickeln, weil diese in der kooperativen Arbeitswelt von morgen eine hohe Relevanz besitzen. Je länger ältere Arbeitnehmer erwerbstätig bleiben müssen, umso wichtiger wird das lebenslange Lernen, aber auch das Weiterentwickeln kreativer und innovativer Kompetenzen. Zudem müssen sie viel Wert auf den Erhalt ihrer Gesundheit legen.

Insbesondere wenn Heranwachsende als Selbständige bzw. Freiberufler erwerbstätig werden, wird von ihnen eine hohe Flexibilität und Mobilität erwartet, da ihre Auftraggeber immer wieder wechseln werden. Zudem werden sie Fähigkeiten der "Selbstvermarktung" entwickeln müssen, indem sie z.B. alle Möglichkeiten des sozialen Webs nutzen. Wie andere junge Menschen auch sollten sie eine hohe Leistungsmotivation entwickeln und bereit sein, abends oder zu Hause zu arbeiten. Ferner müssen sie lernen, mit hohem Leistungsdruck und großem Stress zurechtzukommen, ohne dass es zu einem Burn-out kommt. So können sie sich z.B. Entspannungsverfahren aneignen.

Das "abwechslungsreichere" Arbeitsleben

Die "klassische" Biographie mit den Phasen Ausbildung, Vollzeitbeschäftigung (am selben Ort) und Ruhestand wird man in Zukunft immer weniger finden. Während derzeit im Durchschnitt alle 10 Jahre der Arbeitgeber gewechselt, aber zumeist der Beruf beibehalten wird, werden viele Erwerbstätige in Zukunft ein- oder mehrmals umschulen - es werden also häufiger Ausbildungszeiten bis hin zu einem (neuen) Studium zwischen den Arbeitsstellen liegen. Die Loyalität gegenüber dem jeweiligen Arbeitgeber wird abnehmen, weil Beschäftigungsverhältnisse zunehmend als zeitlich begrenzt wahrgenommen werden. Arbeitnehmer werden auch häufig den Wohnort wechseln - entweder weil sie eine andere Stelle antreten oder weil sie vom Arbeitgeber versetzt wurden. Diese Mobilität wird zu mehr Vereinzelung und zu einer größeren Zahl von Wochenendehen führen. Bei multinationalen Unternehmen wird der neue Arbeitsplatz oft auch im Ausland liegen, sodass (Ehe-) Partner und Kinder entweder im Heimatland bleiben oder ebenfalls umziehen müssen - mit all den damit verbundenen Problemen.

"Klassische" Stellen mit einer Arbeitszeit zwischen 8 und 17 Uhr werden immer seltener werden. In Zukunft werden noch mehr Beschäftigte im Schichtdienst, an Abenden, in der Nacht und an Wochenenden tätig sein müssen. Ein großer Teil der Arbeitnehmer wird aber auch flexible Arbeitszeiten haben. Insbesondere Wissens- und Kreativarbeiter werden immer häufiger ihren Berufsalltag frei gestalten können und sogar nachts oder zu Hause arbeiten dürfen, falls davon eine Produktivitätssteigerung erwartet wird. Viele Selbständige werden über die volle Orts- und Zeitsouveränität verfügen, da sie dank Smartphone und Internet überall und jederzeit erreichbar sind.

Auch in den nächsten 40 Jahren werden Erwerbstätige ihren Beruf in Büros ausüben; Telearbeit wird eine Randerscheinung bleiben. Auf der einen Seite werden sie immer häufiger bei der Arbeit unterbrochen werden, z.B. durch eingehende E-Mails oder das regelmäßige Checken des Smartphone. Dies wird ihre Leistung beeinträchtigen - laut einer Studie von Microsoft Research dauert es nach einer Unterbrechung etwa eine viertel Stunde, bis man sich wieder voll auf die jeweilige Aufgabe konzentriert. Zum anderen müssen aufgrund der ständigen Produktivitätssteigerung immer weniger Mitarbeiter immer mehr leisten (Arbeitsverdichtung). So werden insbesondere höher qualifizierte Arbeitnehmer häufiger Arbeit nach Hause mitbringen und am Abend oder am Wochenende erledigen, zumal sie dann ungestört sind.

Da Innovationszyklen rasend schnell aufeinander folgen, wird die Beschleunigung der Arbeit weiter zunehmen. Kenntnisse und Fertigkeiten werden rasch veralten - ohne lebenslanges Lernen geht nichts mehr. So wird in den nächsten Jahren der Fort- und Weiterbildungsbereich expandieren: Berufstätige werden sich in Zukunft vermehrt Kenntnisse und Kompetenzen in betriebsinternen und -externen Kursen, bei privaten Instituten, durch multimediale Lehr- und Schulungsprogramme, via Internet, im Ausland oder direkt am Arbeitsplatz unter Anleitung erfahrener Kollegen aneignen. Auch wird es mehr modulare Bildungsangebote seitens der Hochschulen und privater Anbieter geben. So werden die Menschen im Verlauf ihres Lebens immer wieder neue Abschlüsse und Zertifikate erwerben.

In US-amerikanischen Unternehmen erfolgten im Jahr 2008 schon 30% der Fort- und Weiterbildung online; aufgrund der hohen Wachstumsraten dürften bald 50% erreicht werden. Unternehmen wie Cisco und Canon bilden ihre Mitarbeiter auch mit Hilfe von Videospielen im Intranet fort und erreichen nach eigenem Bekunden damit bessere Lernerfolge als mit traditionellen Trainingsprogrammen. In Zukunft wird es immer mehr Lerngemeinschaften im Internet geben, in denen Fachleute mit ähnlichen Arbeitsschwerpunkten miteinander diskutieren, voneinander lernen, sich wechselseitig beraten und auf Wunsch die Rolle eines Mentors übernehmen. Hier gibt es auch Online-Kurse, Lernzirkel zu bestimmten Themen und gemeinsame Projekte.

Wie bereits erwähnt, werden sich Erwerbstätige stärker spezialisieren müssen, da sie nur noch in ganz kleinen Bereichen auf dem Laufenden sein können. Sie müssen sich immer intensiver mit Informationen befassen, um auf diese Weise einen Wissensvorsprung vor der Konkurrenz zu erlangen. Aufgrund der zunehmenden Informationsüberflutung werden sie auch mehr Zeit für das Wissensmanagement benötigen.

Bedingt durch die hohe Spezialisierung werden Berufstätige die meisten Tätigkeiten nur noch in Kooperation mit anderen erledigen können. Der Arbeitsplatz wird zum Ort des Gesprächsaustausches und der gegenseitigen Anregung werden, da viele Ideen in Besprechungen generiert werden. Erwerbstätige werden vermehrt in zeitlich begrenzten Projekten arbeiten, wobei sich mit jedem Projekt auch die Zusammensetzung des Teams ändern kann. Deren Mitglieder werden immer seltener denselben Arbeitgeber haben - im jeweiligen Projekt werden Mitarbeiter von mehreren Unternehmen mit Kunden, Selbständigen und Wissenschaftlern aus Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten, denn nur so können noch auf effiziente Weise neue Waren und Dienstleistungen entwickelt werden. Dementsprechend werden in Teams Personen mit ganz unterschiedlichen Qualifikationen kooperieren - z.B. Ingenieure, Naturwissenschaftler, Mathematiker, Informatiker, Designer, Marketing- und Werbe-Fachleute.

Die Projektarbeit wird den Erwerbstätigen zum einen mehr Flexibilität abverlangen: Sie werden immer wieder an anderen Orten und mit anderen Menschen zusammenarbeiten müssen. Allerdings wird auch häufiger von Videokonferenzen Gebrauch gemacht werden - schon jetzt werden spezielle Büros mit mehreren Bildschirmen und Kameras ausgestattet, können Präsentationen, Abbildungen oder Statistiken gleichzeitig an verschiedenen Orten betrachtet und diskutiert werden. Unternehmen werden damit zu Netzwerken, deren räumlich verstreute Mitglieder sich unabhängig von Ort und Zeit austauschen. Zum anderen wird von den Erwerbstätigen immer mehr Kreativität verlangt werden - aus "Made in Germany" muss "Created in Germany" werden, da zumindest in der nahen Zukunft die Produktion vieler Güter bzw. ihrer Bestandteile in anderen Ländern erfolgen wird.

Benötigte Kompetenzen

Jugendliche und Heranwachsende müssen sich auf ein Arbeitsleben einstellen, in dem Flexibilität und (weltweite) Mobilität von großer Bedeutung sein werden: Zum einen werden sie häufiger als die Erwerbstätigen von heute Arbeitgeber, Arbeitsplatz und Wohnort wechseln. Aber auch die Arbeitszeiten werden noch unterschiedlicher werden. Bei einem Berufswechsel werden sie über die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen hinaus die Motivation mitbringen müssen, noch einmal ganz von vorn zu beginnen (z.B. mit einer neuen Ausbildung oder einem weiteren Studium). Zum anderen werden Jugendliche und Heranwachsende als zukünftige Erwerbstätige vermehrt mit anderen Menschen - oft an wechselnden Orten - kooperieren müssen, zu denen häufig Kollegen mit Migrationshintergrund oder Mitarbeiter aus anderen Ländern gehören dürften. Dann werden sie Fremdsprachenkenntnisse und interkulturelle Kompetenzen benötigen.

Jugendliche und Heranwachsende sollten sich darauf einstellen, dass sie sich als Erwerbstätige kontinuierlich fort- und weiterbilden müssen - auch in ihrer Freizeit. Sie müssen motiviert sein, immer wieder Zusatzqualifikationen zu erwerben. Da das Arbeitsleben hektischer werden wird, sollten Kinder, Jugendliche und Heranwachsende lernen, wie man die Informationsflut beherrscht, wie man externe Störungen (z.B. durch eine eingehende SMS oder E-Mails) ausschaltet und wie man sich voll auf die jeweilige Aufgabe konzentriert.

Da die zukünftigen Erwerbstätigen zunehmend in Teams und in Projekten arbeiten werden, sind kommunikative, interpersonale und kooperative Kompetenzen von großer Bedeutung. Ferner sind Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Durchsetzungsfähigkeit wichtig, damit sich die jungen Menschen in einer Arbeitsgruppe Gehör verschaffen und ihr Spezialwissen einbringen können.

Aber auch neue Führungsfähigkeiten werden nachgefragt sein: Vorgesetzte bzw. Manager werden nicht wie bisher Mitarbeiter mit ähnlichen Kenntnissen und Fertigkeiten haben, wie sie weitgehend selbst besitzen. In Zukunft werden sie vielmehr Teammitglieder anleiten müssen, die jeweils spezielle Kenntnisse und Kompetenzen haben, über welche die Manager nicht verfügen. Zudem werden die Mitarbeiter oft keine "Untergebenen" sein, da sie z.B. von anderen Abteilungen, von Zulieferfirmen, von Hochschulen oder von Kunden entsandt wurden, um nur für die Dauer eines Projekts in dem jeweiligen Team zu arbeiten. So werden Vorgesetzte gefragt sein, die nicht im klassischen Sinne führen und anordnen, sondern die die Kreativität der Teammitglieder frei setzen, produktive Interaktionen stimulieren, Kooperationsprozesse fördern, Konflikte schlichten und benötigte Ressourcen bereitstellen können. Solche Kompetenzen können ansatzweise bereits in Kindheit und Jugend ausgebildet werden.

Demographische Entwicklung

Derzeit leben in Deutschland 80,8 Mio. Menschen. Laut der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes von 2015 werden es 2060 nur noch zwischen 67,6 und 73,1 Mio. sein. Dieser Bevölkerungsrückgang ist unaufhaltsam, weil in den kommenden Jahren immer kleinere Geburtsjahrgänge Familien gründen werden. Er kann weder durch Zuwanderungsüberschüsse aus dem Ausland noch durch eine etwas höhere Kinderzahl je Frau nennenswert begrenzt werden.

Obwohl die 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes Mitte 2015 veröffentlicht wurde, berücksichtigt sie noch nicht die stark ansteigenden Zahlen von Bürgerkriegsflüchtlingen bzw. Asylbewerbern. Im Jahr 2015 sind 890.000 Menschen nach Deutschland gekommen, und der Zustrom könnte auch in den nächsten Jahren viel höher sein als vom Statistischen Bundesamt erwartet. Wenn ein Großteil der Migranten als Asylanten anerkannt und wie bisher nur ein kleiner Teil der abgelehnten Bewerber abgeschoben wird, wird der Bevölkerungsrückgang stark abgebremst werden. Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung wird ansteigen (im Jahr 2015 lag er bei 21,0%), während gleichzeitig diese Gruppe immer diverser wird: Seit 2014 strömen vor allem Menschen aus den Balkanstaaten, dem Nahen Osten und aus Afrika nach Deutschland, also aus anderen Herkunftsländern als z.B. die Gastarbeiter der 1960er und 1970er Jahre oder die Aussiedler der 1980er Jahre. Migranten bzw. Menschen mit Migrationshintergrund werden sich hinsichtlich Religion, Werteorientierung, Lebensstil, Erziehungsvorstellungen usw. stärker untereinander unterscheiden als von den Deutschen. Es werden sich immer mehr Subkulturen, Familienmilieus und Soziotope herausbilden.

Da die Berufsaussichten, die Einkaufsmöglichkeiten, die medizinische Versorgung und die Freizeitangebote in Städten besser sind, wird die Urbanisierung weiter zunehmen. Aufgrund der bereits beschriebenen Aufspaltung des Arbeitsmarktes in sehr gut und eher schlecht Verdienende werden auch die Städte bipolar werden: Es wird einerseits reiche Stadtteile sowie andererseits arme Viertel und soziale Brennpunkte geben. Vermutlich werden sich deutsche und ethnische Quartiere mit schon jetzt drastisch unterschiedlichen Lebensbedingungen noch stärker voneinander abgrenzen.

Parallel zum Bevölkerungsrückgang wird es zu einer ausgeprägten Alterung der Gesellschaft kommen. So werden immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter immer mehr Rentner unterstützen müssen. Dies wird durch den rasanten Anstieg des Altenquotienten in folgender Tabelle verdeutlicht, die auf der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes beruht.

Tabelle 1: Altenquotient (Anzahl der Menschen im Alter von 65 Jahren und mehr je 100 Personen im Erwerbsalter)
Jahr Variante 1 (Nettozuwanderung: 130.000 Personen pro Jahr bis 2060) Variante 2 (Nettozuwanderung: 230.000 Personen pro Jahr bis 2060)
2013

34,2

34,2

2020

37,6

37,3

2030

50,0

48,7

2040

57,6

55,2

2050

60,3

57,0

2060

64,9

61,1

Im Jahr 2013 mussten 100 Menschen im Alter von 20 bis unter 65 Jahren für 34 Senioren aufkommen. Es ist offensichtlich, dass sie 2030 nicht im gleichen Maße wie heute für mindestens 49 Senioren sorgen können - geschweige denn 2060 für mindestens 61 alte Menschen. Wenn man bedenkt, dass nicht alle Personen zwischen 20 und 64 Jahren voll erwerbstätig sind, sondern manche noch eine Ausbildung machen oder studieren, andere arbeitslos sind oder nur wenig verdienen, und wieder andere sich in der Familienphase befinden, dann geht die Tendenz dahin, dass Mitte dieses Jahrhunderts ein Erwerbstätiger fast alleine für einen Rentner aufkommen muss.

Dies ist natürlich nicht möglich. So ist es unausweichlich, dass in den kommenden Jahrzehnten Menschen einerseits weit über ihr 65. Lebensjahr hinaus arbeiten werden, da die Rentenbezugszeit wieder kürzer werden muss: Sie nahm zwischen 1960 und 2012 von knapp 10 auf 19 Jahre zu. Andererseits werden die Rentenansprüche in Zukunft niedriger sein. Selbst dann werden schon um das Jahr 2020 herum die Rentenversicherungsbeiträge deutlich über 20% steigen. Auch die Beiträge für Krankenkassen und Pflegeversicherung werden erhöht werden, da die wachsende Anzahl älterer Menschen mehr Kosten verursachen wird. Beispielsweise ist jeder zweite Mensch - überwiegend am Ende seines Lebens - auf Pflege angewiesen. So wird die Zahl der Pflegebedürftigen von 2,5 Mio. im Jahr 2013 auf 3,4 Mio. im Jahr 2030 ansteigen. Viele von ihnen werden auf öffentliche Unterstützung angewiesen sein, da immer häufiger Partner oder erwachsene Kinder fehlen werden, die bisher weitgehend die Pflege übernahmen. Dementsprechend werden mehr geriatrische und gerontopsychiatrische Abteilungen in Krankenhäusern, mehr Senioren- und Pflegeheime, mehr Tages- und Kurzzeitpflegeplätze sowie mehr ambulante pflegerische, hauswirtschaftliche und Mahlzeitendienste benötigt werden. Der Staat muss hierfür die entsprechenden Mittel aufbringen und gleichzeitig den Bundeszuschuss zur Rentenversicherung stark erhöhen.

In den kommenden Jahren ist mit großen sozialen Spannungen zu rechnen, die zu einem "Generationenkrieg" führen könnten. Auf der einen Seite werden die Menschen im Erwerbsalter stehen, die nicht immer höher werdende Sozialversicherungsbeiträge und Steuern zahlen wollen - und können. Sie werden von der Wirtschaft unterstützt werden. Auf der anderen Seite werden die Senioren stehen, die für den Erhalt der Leistungen von Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung bzw. für ihre Pensionen kämpfen werden. Sie werden alleine schon aufgrund ihrer zunehmenden Zahl immer mehr politische Macht erlangen: Bei der letzten Bundestagswahl waren bereits 33,7% der Wahlberechtigten älter als 60 Jahre - in 20 Jahren werden es mehr als 40% sein. Hinzu kommt, dass die Wahlbeteiligung im Seniorenalter deutlich höher ist als in allen anderen Altersgruppen. So müssen Politiker die Belange alter Menschen immer mehr beachten - wobei sie auch von ihren Parteimitgliedern dazu gedrängt werden: In CDU und SPD ist schon die Hälfte der Mitglieder älter als 60 Jahre.

Benötigte Kompetenzen

Jugendliche und Heranwachsende benötigen nicht nur Wissen über die demographische Entwicklung, sondern müssen auch bereit sein, mit den unausweichlichen Konsequenzen zu leben. So sollten sie sich darauf einstellen, dass sie höhere Sozialversicherungsbeiträge und Steuern bezahlen müssen, ihnen also weniger Geld für den Konsum, langlebige Anschaffungen, den Vermögensaufbau oder den Erwerb von Wohneigentum bleiben wird. Diese Benachteiligungen gegenüber vorausgegangenen Generationen werden sie aber nur akzeptieren, wenn sie sehen, dass sich die Senioren mit Kürzungen der Leistungen von Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung abfinden. Sie sollten sich aber auch bewusst machen, dass sie mehr erben werden als frühere Generationen, da sie seltener mit (mehreren) Geschwistern teilen müssen und häufiger von kinderlosen Verwandten bedacht werden dürften.

Ferner sollten Kinder, Jugendliche und Heranwachsende die Bedürfnisse und Bedarfe von Senioren, Behinderten und Pflegebedürftigen kennen. Durch häufige persönliche Kontakte können sie lernen, mit diesen Menschen angemessen umzugehen.

Wandel der Gesellschaft

Es ist nicht verwunderlich, dass Menschen in einer Gesellschaft, die sich rasant verändert und viele Probleme vor sich her schiebt, immer mehr Angst haben. So befürchten manche, dass die sich bei Kranken- und Pflegeversicherungen abzeichnenden Sparzwänge dazu führen werden, dass nicht mehr allen Menschen eine gute medizinische Versorgung garantiert werden kann und dass notwendige Operationen und Behandlungen - insbesondere bei älteren Menschen - nicht mehr durchgeführt werden. Sie rechnen damit, dass irgendwann auch festgelegt werden wird, wie lange das Leben eines Hochbetagten verlängert werden darf und in welchen Fällen Euthanasie angezeigt ist.

Auch die Angst vor einer Wohlstandswende nimmt zu. Dazu tragen die Finanzkrisen der letzten Jahre bei. Zudem sind im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts die Reallöhne in Deutschland im Vergleich zu anderen OECD-Ländern am zweitwenigsten gestiegen. So haben viele Arbeitnehmer keinen Zuwachs an Wohlstand erlebt, zumal die Inflation die geringen Einkommenszuwächse ausgeglichen hat. Aber die Bevölkerung ist sich auch der hohen Staatsverschuldung bewusst geworden, die in den kommenden Jahren immer mehr die Spielräume von Bund, Ländern und Kommunen einschränken wird. im Oktober 2015 betrugen die öffentlichen Schulden laut boerse.de 27.500 Euro pro Person und könnten bis 2025 auf 33.600 Euro pro Kopf steigen. Irgendwann werden die Kreditgeber darauf bestehen, dass dieses Geld auch zurückbezahlt wird - z.B. weil Versicherungen immer mehr Lebensversicherungen auszahlen müssen oder Rentner ihr Vermögen auflösen wollen, um ihren Lebensstandard zu sichern oder von Kranken- bzw. Pflegeversicherung nicht übernommene Dienstleistungen zu bezahlen.

In den letzten Jahren hat die Spaltung der deutschen Gesellschaft zugenommen. So hat laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zwischen 1991 und 2013 die Unterschicht von 24% auf 27% der erwachsenen Bevölkerung zugenommen. Gleichzeitig stieg der Anteil der Einkommensstarken von 10% auf 13%. Dies führt zu einer schrumpfenden Mittelschicht: Ihr Anteil sank von 66% auf 61%. Noch krasser sind die Veränderungen, wenn man die Einkommensschichtung in Westdeutschland aus dem Jahr 1983 heranzieht: Damals gehörten nur 23% der erwachsenen Bevölkerung zur Unterschicht und 9% zur Oberschicht, aber 69% zur Mittelschicht. Die Mitte bricht also immer mehr weg - und so hat im Gegensatz zu früher auch das Bürgertum Angst vor dem sozialen Abstieg, da immer häufiger Mittelschichtsangehörige arbeitslos werden oder schlechter bezahlte Stellen annehmen müssen. Hinzu kommt, dass die reichsten 10% der Privathaushalte über fast 60% des Nettovermögens verfügen (mindestens 440.000 Euro). Hingegen waren laut Statistischem Bundesamt 14,7% der West- und 19,7% der Ostdeutschen im Jahr 2015 armutsgefährdet. Zum Jahresende 2015 erhielten knapp 8 Mio. Menschen und damit 9,7% der Bevölkerung soziale Mindestsicherungsleistungen.

Hinsichtlich der eigenen Lebensgestaltung wird das Individuum eher noch größere Freiräume als heute haben; tradierte Lebensformen oder in der Jugend übernommene Denk- und Orientierungsmuster werden an Bedeutung verlieren. So werden Menschen vermehrt durch eigene Anstrengung soziale Strukturen aufbauen bzw. individuelle Wertvorstellungen und Denkweisen entwickeln müssen. Dies kann mit Ängsten und Orientierungslosigkeit verbunden sein - aber auch zum Rückzug in die vertraute Heimat führen, sodass entsprechende Identitäten und kulturellen Besonderheiten bewahrt werden. Bei anderen Menschen besteht hingegen eine große Weltoffenheit. Dazu trägt die ungebrochen große Reiselust der Deutschen bei: Im Urlaub, aber auch beruflich, werden andere Kulturen kennen gelernt. Oft werden dann Elemente aus ihnen übernommen oder sogar "multikulturelle" Persönlichkeiten entwickelt.

Der Einfluss der Katholischen und der Evangelischen Kirche dürfte weiter abnehmen - im Gegensatz zu Sekten oder "Feel-Good-Religionen" (Matthias Horx). Schon seit Jahren verlieren die großen Kirchen Mitglieder: So wird die Katholische Kirche in 20 Jahren vermutlich nur noch 20 Mio. und die Evangelische Kirche 17 Mio. Mitglieder haben. Das wären insgesamt 21 Mio. weniger als heute. In Deutschland gehören weniger als drei Fünftel der Einwohner noch einer der beiden Konfessionen an; im Jahr 2025 könnten die Nicht-Gläubigen bereits in der Mehrheit sein. In Ostdeutschland sind schon jetzt die meisten Menschen konfessionslos.

Viele Menschen werden sich auch weiterhin über ihren Konsum definieren ("Ich kaufe, also bin ich"). Zudem werden sie sich dem Sozialwissenschaftler Zygmunt Bauman zufolge zunehmend als "Ware" sehen, die es zu "verkaufen" gilt: mit Hilfe der "richtigen" Bekleidung bis hin zur möglichst positiven Selbstdarstellung auf sozialen Websites. Im Internet wäre "Aufmerksamkeit" zu einer neuen "Währung" geworden, die sich in der Zahl sich selbst registrierender "Freunde" zeigen würde. Laut den Zukunftsforschern Peter Zellmann und Horst W. Opaschowski werden immer mehr Jugendliche und Heranwachsende eine Konsummentalität des "alles sofort", "immer mehr", "immer hastiger" und "immer überdrüssiger" entwickeln.

Die Menschen werden weiterhin in Supermärkten einkaufen, allerdings immer öfters bargeldlos - und dank RFID und Bezahlfunktion auf dem Smartphone ohne Personal an den Kassen. Schon jetzt wechselt z.B. in den USA Bargeld nur noch bei einem Fünftel der Einkäufe den Besitzer. Für Kaufentscheidungen werden Communities, in denen User Produkte bewerten, immer wichtiger werden. So werden die Menschen als Kunden souveräner agieren, da sie über Preise und Qualität der sie interessierenden Produkte und Dienstleistungen gut informiert sind.

Die Menschen werden in den nächsten 20, 30 Jahren weiterhin klassische Printmedien wie Bücher, Zeitungen und Zeitschriften nutzen. Dennoch werden in Deutschland - wie schon in den USA - viele Zeitungen und Zeitschriften nicht überleben, da die Zahl der Käufer bzw. Abonnenten zurückgeht. Bücher werden immer mehr Konkurrenz durch die preiswerteren und zum Teil sogar kostenlosen E-Books erfahren - Amazon verkaufte 2010 bereits mehr E-Books als Bücher aus Papier. Es wird nur selten für eine längere Zeitdauer gelesen werden, sondern eher in Pausen oder in "Häppchen".

Die Menge an Informationen, die auf den einzelnen Menschen über die klassischen und neuen Medien, über Handys/ Smartphones und Netbooks einströmen, wird eher noch größer werden. Dazu trägt auch das Multitasking bei: Indem z.B. gleichzeitig Fernseher und Computer genutzt werden, können mehr Informationen aufgenommen werden. Gleichzeitig wird es einer Person immer schwerer fallen, für sie wichtige Daten herauszufiltern sowie deren Qualität und Verlässlichkeit zu beurteilen. Immer Menschen werden sich von der Informationsflut überwältigt und von ihres Erachtens sinnvolleren Tätigkeiten abgelenkt fühlen. Andere werden sich auf sensationelle Nachrichten konzentrieren, wieder andere werden sich zurückziehen und in Sicherheit gebende Welten flüchten (z.B. Sekten oder radikale politische Gruppierungen). Außerdem werden viele Menschen die durch das Internet gegebenen Möglichkeiten der Selbstbildung weiterhin ignorieren und es nur zur Unterhaltung nutzen.

Im Internet zu findende Informationen werden zunehmend nach den Präferenzen einer Person automatisch selektiert werden. Zum einen wird es Programme (Intelligente Agenten) geben, die z.B. Nachrichten nach den Vorgaben des Nutzers zusammenstellen oder andere Recherchen erledigen. Zum anderen werden Suchmaschinen von Google und anderen Unternehmen so weiterentwickelt, dass bei der Zusammenstellung der Suchergebnisse frühere Anfragen des jeweiligen Nutzers berücksichtigt werden. Die Suchmaschinen lernen also mit der Zeit, welche Interessen, Bedürfnisse, Einstellungen und Gewohnheiten eine Person hat. Daraus wird ein individueller Filter erstellt, durch den Suchergebnisse sortiert werden - und auch auf den jeweiligen Nutzer zugeschnittene Werbung präsentiert wird.

Soziale Websites wollen die dort gespeicherten Informationen über eine Person (und ihren Freundeskreis) ähnlich nutzen - einerseits, indem sie diese vermarkten, und andererseits, indem sie ihr "passendere" Informationen senden. Die sich hier bietenden Möglichkeiten werden sicherlich noch durch das "lifelogging" erweitert werden - ein sich in der Weiterentwicklung befindendes Verfahren, bei dem im Internet das eigene Leben durch Filme dokumentiert wird. Schon jetzt kann man sich z.B. den "Narrative Clip" anheften, der automatisch zwei Weitwinkelaufnahmen pro Minute schießt und so jeden Augenblick im Leben eines Individuums aufzeichnet. Das digitale Gedächtnis ersetzt das menschliche...

Je mehr Informationen über eine Person im Internet zu finden sind und mit je mehr Daten aus anderen Quellen sie kombiniert werden können, umso mehr wird die Privatsphäre des Menschen schrumpfen, umso durchschaubarer wird er und umso häufiger werden Dritte Entscheidungen auf solcher Grundlage fällen. Beispielsweise werden in den USA schon jetzt Darlehensanträge von Banken abgelehnt, weil die Datenanalyse gezeigt hat, dass auf sozialen Websites genannte Freunde des Antragstellers mit dem Rückzahlen ihrer Darlehen im Verzug geraten sind. Und die amerikanischen Streitkräfte versuchen gezielt solche jungen Erwachsenen anzuwerben, die laut Internet mit Soldaten befreundet sind.

Zudem verfügen immer mehr Smartphones, Autos und Kameras über GPS, sodass deren Standort von Dritten bestimmt werden kann. Auch wird es dank entsprechender Software bald möglich sein, den von Kameras an öffentlichen Orten aufgenommenen Gesichtern Personen zuzuordnen. Dadurch könnten Menschen nahezu ständig überwacht werden. Ist der jeweilige Standort einer Person bekannt, können Werbebotschaften von umliegenden Geschäften, Restaurants und Banken auf ihr Handy gesendet werden. Liegen Informationen über ihr bisheriges Kaufverhalten, ihre Vorlieben und Interessen vor - die von darauf spezialisierten Unternehmen, aber auch von Suchmaschinen und sozialen Websites gesammelt werden (s.o.) -, kann sogar ganz gezielt geworben werden (z.B. mit für sie interessanten Sonderangeboten, im nächsten Kino laufenden Filmen aus ihrem Lieblingsgenre oder nahe gelegenen Restaurants mit der von ihr bevorzugten Küche). So werden Kunden zunehmend "gläsern" werden - die Unternehmen werden z.B. wissen, wo sie sich gerade befinden, wie ihr Konsumverhalten ist, ob sie über viel oder wenig Geld verfügen, ob sie alleine leben oder eine Familie haben.

In den kommenden Jahren wird das Internet das Unterhaltungsmedium Nummer eins sein; mehr als 95% der Deutschen werden es regelmäßig nutzen. Immer mehr Menschen werden Filme und Texte sowohl auf dem Fernseher bzw. dem PC-Bildschirm als auch auf dem Smartphone, Notebook oder Tablet anschauen. Das Angebot an Fernsehkanälen, Videos und Computerspielen im Internet wird weiter wachsen. Viele Menschen sich dann in virtuellen Welten und Communities heimisch fühlen. Auch dürften immer mehr Orte und Institutionen via Internet aufgesucht werden - bereits jetzt besucht mehr als die Hälfte der Menschen eher virtuelle als physische Museen.

Selbst das soziale Leben wird zunehmend durch das Internet bestimmt werden: Anstatt Verwandte, Freunde und Bekannte zu treffen und mit ihnen direkt zu kommunizieren, wird mit einer immer größeren Zahl von Freunden der Kontakt über das Internet gepflegt, was sehr zeitaufwändig werden kann. So bleibt weniger Zeit für Gespräche - bei denen sich das Smartphone immer im Blickfeld befindet. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen besteht dann die Gefahr, dass soziale Kompetenzen nur noch unzureichend entwickelt werden. Einige Fachleute vertreten aber die Meinung, dass interpersonale und kommunikative Fertigkeiten auch auf sozialen Websites und in virtuellen Welten erprobt und erworben werden können (z.B. in Disneys "Club Pinguin"). Außerdem könnte man sich in Internet-Netzwerken "verankert" fühlen, würden immer mehr Menschen dort einen Lebenspartner finden - und Freunde, mit denen sie sich auch treffen würden. Schließlich könnten voneinander weit entfernt lebende Verwandte und Freunde besser den Kontakt über das Internet pflegen als über Briefe oder "klassische" Telefonanrufe (beim Skypen kann man seinen Gesprächspartner sehen), was die Familienbande stärken würde.

Auch die Sprache wird zunehmend durch die neuen Kommunikationstechnologien geprägt. Zum einen lesen Menschen schlechter und oberflächlicher. Das liegt daran, dass sie - insbesondere jüngere Jahrgänge - weniger lesen. Zudem werden mehr Texte im Internet gelesen, die zumeist kurz gehalten und einfach geschrieben sind. Sie werden in der Regel nur überflogen - die durchschnittliche Verweildauer auf einer Webseite beträgt ca. 0,6 Minuten. Zum anderen erfolgt die schriftliche Kommunikation inzwischen weitgehend per E-Mail, SMS, Twitter usw., wo kurze Aussagen und Abkürzungen die Regel sind und Gefühle durch Emoticons dargestellt werden. Damit wird immer weniger die Schriftsprache mit ihren vielen Adjektiven und Adverbien, mit mehrsilbrigen Wörtern und Begriffen mit vielfältigen Bedeutungen, mit Nebensätzen und anspruchsvollen grammatikalischen Strukturen verwendet. Wenn Suchmaschinen und andere Computerprogramme in absehbarer Zeit auf Umgangssprache reagieren und verbal antworten und wenn Diktierprogramme eine fast 100-prozentige Genauigkeit erreichen, werden Lesen und Schreiben noch seltener praktiziert werden.

Je mehr Kinder und Jugendliche nur noch kurze Texte (SMS, Tweets) und Videoclips aufnehmen, je mehr sie sich auf die Rechtschreibprüfung von Textverarbeitungsprogrammen verlassen, je häufiger sie Daten wie z.B. Telefonnummern in Handys und Smartphones abspeichern, umso weniger müssen sie sich konzentrieren. Professor John Ratey von der Harvard Medical School verwendet den Begriff "erworbene Aufmerksamkeitsstörungen" für Menschen, die sich aufgrund der intensiven Nutzung mobiler Geräte und des Internets nicht mehr konzentrieren können. Immer weniger junge Menschen könnten längere Zeit ruhig dasitzen und über etwas intensiv nachdenken. Die Fähigkeit eines tiefer gehenden analytischen Denkens ginge immer mehr verloren.

Viele Menschen werden in Zukunft "E-Persönlichkeiten" entwickeln, d.h. sie werden sich auf (einigen) sozialen Websites anders inszenieren, als sie in Wirklichkeit sind. Die mit einer falschen Identität verbundene fehlende soziale Kontrolle wird manche Menschen auch grausamer werden lassen, wie z.B. die zunehmende Zahl der Fälle von "Cyber-Mobbing" zeigt. Eine immer größere Rolle werden Avatare spielen, Stellvertreter einer echten Person im Internet bzw. in virtuellen Welten (z.B. "World of Warcraft" oder "Second Life"). Egal, ob der Avatar ein Mensch oder ein Fantasiewesen ist - wird die jeweilige Rolle über Monate und Jahre hinweg viele Stunden pro Woche gespielt, wird sich die Person mehr und mehr mit ihr identifizieren. Zudem wird sie für andere Avatare, die immer wieder mit ihrem Avatar kommunizieren, Gefühle wie Liebe, Hass und Eifersucht entwickeln - und das umso mehr, je realistischer virtuelle Welten und die dort agierenden Wesen wirken und je besser Technologien werden, mit denen man auch physisch auf virtuelle Partner reagieren kann. So werden die Grenzen zwischen der realen und den virtuellen Identitäten immer mehr verschwimmen, werden viele Menschen "multiple Persönlichkeiten" haben - was durchaus zu Gefühlen der Verwirrung führen könnte.

Benötigte Kompetenzen

Zukunftsängste lassen sich am leichtesten verhindern, wenn Kinder und Jugendliche über Zukunftswissen - ein realistisches Bild von der Zukunft - verfügen. Machen sie sich bewusst, dass Entwicklungstendenzen wie die Alterung der deutschen Gesellschaft, die Staatsverschuldung oder die sich anbahnenden Rohstoff- und Energiekrisen (s.o.) es eher unwahrscheinlich machen, dass der Wohlstand in Deutschland weiter zunehmen wird, werden sie spätere Einschränkungen bei ihrem Lebensstandard oder bei Leistungen von Staat und Sozialversicherungen eher akzeptieren. Zugleich sollten sie - gerade auch als Erwachsene - für soziale Gerechtigkeit eintreten und sich mit armen und benachteiligten Bevölkerungsgruppen solidarisieren.

Um in einer Welt, in der viele unterschiedliche Werte miteinander konkurrieren und sich fortwährend wandeln, nicht die Orientierung zu verlieren, sollten Kinder, Jugendliche und Heranwachsende ein eigenes, individuelles Wertesystem ausbilden, das ihnen Lebenssinn und Sicherheit gibt. Viele werden sich in einer (Sub-) Kultur mit besonderen religiösen, literarischen, musikalischen und künstlerischen Ausdrucksformen verwurzelt fühlen, in die sie entweder hineingeboren wurden oder die sie sich selbst ausgesucht haben - und die manche von ihnen auch weiter ausgestalten werden (kulturelle Kompetenz).

Eine ausgeprägte Persönlichkeit, Charakterstärken, ein positives Selbstbild und Resilienz schützen vor negativen Einflüssen. Rückhalt und Geborgenheit bietet auch die Einbettung in funktionierende soziale Netzwerke. Diese müssen aber von Kindern und Jugendlichen erst aufgebaut werden, da traditionelle Gemeinschaften wie Verwandtschaft und Nachbarschaft aufgrund von Mobilität, Urbanisierung und fehlenden öffentlichen Treffpunkten an Bedeutung verloren haben. Dazu benötigen junge Menschen kommunikative und interpersonale Kompetenzen. Verfügen sie über ein gutes soziales Netzwerk, so werden sie hier nicht nur Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Geselligkeit, Anerkennung und Freundschaft befriedigen können, sondern bei Bedarf auch emotionale Unterstützung und praktische Hilfe erfahren. Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass die Integration in ein funktionierendes Netzwerk positive Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit, das Selbstbild und das Wohlbefinden hat, die Bewältigung von Stress, alltäglichen Belastungen und kritischen Lebensereignissen erleichtert, zu mehr Selbstvertrauen führt und zu einer optimistischeren Einstellung beiträgt.

Bedenkt man, dass aufgrund von Klimawandel, Umweltzerstörung, Ressourcenknappheit, Energiekrise usw. der Einzelne seinen ökologischen Fußabdruck verkleinern muss, sollten Kinder und Jugendliche auch lernen, ihre Konsumbedürfnisse zu hinterfragen und bewusster einzukaufen. Keinesfalls dürfen sie sich weiterhin über ihren Konsum definieren, sondern sollten Selbstbild und Selbstwertgefühle auf eine andere Grundlage stellen (z.B. die eigene Leistung in Schule und Beruf oder die Einbettung in ein soziales Netzwerk). Da die Leistungen der Krankenversicherungen zurückgefahren werden dürften, sollten sie auch mehr Wert auf eine gesunde Ernährung und eine regelmäßige körperliche Betätigung legen.

Schließlich ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche Medienkompetenz entwickeln. Zum einen müssen sie den sinnvollen Umgang mit alten und neuen Medien erlernen (Nutzung von Fernseher, Computer, Smartphone usw., des Internets, von Konsolenspielen). Zum anderen sollten sie auch mit Problemen und Gefahren umgehen können - z.B. mit der Informationsflut, der Zunahme an "fake news", der verschwindenden Privatsphäre, der Suchtgefährdung durch Online-Spiele und Internet-Casinos, dem Ersatz von realen sozialen Kontakten durch virtuelle, der Verschlechterung der Lese- und Kontemplationsfähigkeiten, der Verarmung der Schriftsprache sowie mit erworbenen Aufmerksamkeitsstörungen und multiplen Persönlichkeiten.

Familie und Kindheit

Seit Jahrzehnten ist die Geburtenrate gesunken. Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass sie sich jetzt auf dem sehr niedrigen Niveau von 1,4 Kindern je Frau einpendeln wird. Es ist nicht zu erwarten, dass die Geburtenrate in den kommenden Jahren wieder nennenswert ansteigen wird. So werden viele junge Menschen wegen eines zu geringen Einkommens, aus Unsicherheit aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung und aus Angst um den eigenen Arbeitsplatz die Realisierung ihres Kinderwunsches (weiter) herausschieben. Aber auch die Schwierigkeit, am gleichen Ort zwei Arbeitsplätze zu finden, wird zum immer häufiger werdenden "Living apart together" beitragen und damit eine Familiengründung behindern. Ferner wird die "gefühlte" Bedrohung durch Klimawandel, Schuldenkrise und internationale Konfliktherde zunehmen. Die damit verbundenen Zukunftsängste könnten sich ebenfalls negativ auf die Zeugungsbereitschaft auswirken. So werden Erwachsene in den kommenden Jahren wahrscheinlich noch später heiraten als heute bzw. in einem noch höheren Lebensalter Kinder bekommen. Viele Paare werden ihren Kinderwunsch nicht bzw. nicht vollständig realisieren, weil sie sich schließlich zu alt für ein Kind fühlen oder infertil geworden sind. Mehr Kinder werden aber in Zukunft mit Hilfe der Reproduktionsmedizin "gezeugt" werden.

Wegen der niedrigen Geburtenrate wird die Zahl der Kinder und Jugendlichen in den kommenden 50 Jahren laut der nachstehenden Tabelle kontinuierlich abnehmen: laut der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes von derzeit 15,6 Mio. auf 10 bis 11 Mio. Zugleich wird die Zahl der Senioren rasant zunehmen: von 16,7 auf 22 bis 23 Mio.

Tabelle 2: Prognose der Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland
Jahr Variante unter 20-Jährige 20- bis 64-Jährige 65-Jährige und Ältere

Zahl

Anteil

Zahl

Anteil

Zahl

Anteil

2008

untere1

15,6

19,0%

49,7

60,6%

16,7

20,4%

obere2

15,6

19,0%

49,7

60,6%

16,7

20,4%

2020

untere1

13,6

17,0%

47,6

59,6%

18,7

23,3%

obere2

13,7

17,0%

48,1

59,8%

18,7

23,2%

2030

untere1

12,9

16,7%

42,2

54,5%

22,3

28,8%

obere2

13,2

16,7%

43,5

55,0%

22,3

28,3%

2040

untere1

11,8

16,0%

38,3

51,9%

23,7

32,1%

obere2

12,4

16,1%

40,5

52,8%

23,9

31,1%

2050

untere1

10,7

15,4%

35,7

51,5%

23,0

33,1%

obere2

11,5

15,6%

38,7

52,6%

23,4

31,8%

2060

untere1

10,1

15,6%

32,6

50,4%

22,0

34,0%

obere2

11,0

15,7%

36,2

51,7%

22,9

32,6%

1. untere Variante: Zuwanderung von 100.000 Personen ab 2014
2. obere Variante: Zuwanderung von 200.000 Personen ab 2020

Aus solchen Trends lässt sich schließen, dass sich einerseits die Familiengröße kaum verändern wird: Eltern werden weiterhin nur ein bis zwei Kinder haben. Andererseits wird wegen der vielen Singles und Senioren die Zahl der Haushalte zunächst weiter zunehmen, ihre Größe jedoch abnehmen. Familienhaushalte werden immer seltener werden. In ihnen werden weniger "klassische" Familien (ein verheiratetes Ehepaar mit leiblichen Kindern) leben, aber mehr nichteheliche Lebensgemeinschaften, Alleinerziehende und Stieffamilien, vermutlich auch mehr Regenbogenfamilien (mit gleichgeschlechtlichen Eltern) und Familien mit Partnern aus unterschiedlichen Kulturen.

Aufgrund der bereits beschriebenen Veränderungen in Wirtschaft und Arbeitswelt werden die beruflichen Anforderungen größer werden. Immer mehr Eltern werden an Abenden oder an Wochenenden arbeiten. Auch werden sie mehr Überstunden machen oder Arbeit mit nach Hause nehmen müssen - wo sie dank Internet und Smartphone jederzeit für ihre Chefs erreichbar sind. So werden erwerbstätige Eltern weniger Zeit für die Pflege der Paarbeziehung, gemeinsame Freizeitaktivitäten und die eigene Entspannung haben. Entfremdung, Stress, Konflikte und Probleme bei der Abstimmung von Lebensplänen werden die Partnerbeziehungen relativ labil machen.

Eltern werden aufgrund der längeren Arbeitszeiten auch immer weniger Zeit für ihre Kinder und deren Erziehung haben. In Zukunft werden nicht nur Väter aufgrund der beruflichen Anforderungen länger an ihrem Arbeitsplatz sein, sondern auch Mütter - zudem wird sich der Trend fortsetzen, dass Mütter immer früher nach der Geburt eines Kindes wieder arbeiten gehen und immer häufiger Vollzeit erwerbstätig sind. Hinzu kommt oft ein langer Weg zur Arbeit - nicht nur bei Pendlern, sondern auch bei Menschen in Großstädten und Ballungsräumen (z.B. wegen vieler Staus oder mehrmaligen Umsteigens bei Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel). So werden kindliche Bedürfnisse mangels Zeit häufiger vernachlässigt werden. Dementsprechend dürfte die Zahl von Kindern mit psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten zunehmen.

Kleinkinder werden in den kommenden Jahren immer früher und immer länger in Tageseinrichtungen oder Tagespflege betreut werden. So werden die Betreuungsangebote für unter Dreijährige weiter ausgebaut werden, wird es mehr Ganztagsplätze geben, werden insbesondere in größeren Städten mehr Tagesstätten auch am Abend oder am Wochenende geöffnet haben. Schulen werden häufiger Ganztagsschulen sein oder eine verlässliche Nachmittagsbetreuung anbieten. Dementsprechend wird die in der Familie verbrachte Zeit abnehmen; die Bedeutung der Familienerziehung wird sinken. Dies lässt sich anhand der folgenden Tabelle ganz deutlich am Beispiel der Ganztagsbetreuung von Kleinkindern zeigen.

Tabelle 3: Ganztagsbetreuung: Was bleibt an Familienzeit?
Alter 1 Jahr 2 Jahre 3 Jahre 4 Jahre 5 Jahre
Schlafdauer1

13 Std.
45 Min.

13 Std.

12 Std.

11 Std.
30 Min.

11 Std.

Wachzeit

10 Std.
15 Min

11 Std.

12 Std.

12 Std.
30 Min.

13 Std.

Ganztagsbetreuung

8 Std.

8 Std.

8 Std.

8 Std.

8 Std.

Fernsehzeit2

0 Min.

0 Min.

73 Min.

73 Min.

73 Min.

Familienzeit

2 Std.
15 Min.

3 Std.

2 Std.
47 Min.

3 Std.
17 Min.

3 Std.
47 Min.

1. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Durchschnittliche Schlafdauer in verschiedenen Altersstufen. http://www.kindergesundheit-info.de/themen/schlafen/1-6-jahre/schlafdauer/ (21.07.2013)
2. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Geflimmer im Zimmer. Informationen, Anregungen und Tipps zum Umgang mit dem Fernsehen in der Familie. Berlin 2008

Wenn Eltern und Kinder immer weniger Zeit (gemeinsam) zu Hause verbringen - und diese oft noch in verschiedenen Zimmern -, werden die Familienbeziehungen lockerer werden. Da die Familienmitglieder zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause kommen, werden sie nur selten gemeinsam speisen (und Tischgespräche führen), sondern sich zumeist selbst versorgen. Da Kinder immer früher selbständig werden, sind sie nach der Schule auch oft bei Freunden bzw. mit diesen unterwegs. So wird an vielen Tagen die Kommunikation mit den Eltern nur über das Smartphone erfolgen.

Die Erwartungen von Eltern an die Schulleistungen ihrer Kinder werden vermutlich weiter steigen. Zum einen wirkt sich hier die zunehmende Angst vor Arbeitsplatzverlust bzw. einem sozialen Abstieg aus: Eltern wollen ihren Kindern die besten Entwicklungschancen bieten, damit diese später den immer größer werdenden Leistungserwartungen der globalen Wissensgesellschaft entsprechen und ein gutes Einkommen erzielen können. Zum anderen greifen sie die durch die Medien weit verbreiteten Erkenntnisse der Hirnforschung, der Lern- und der Entwicklungspsychologie auf.

Allerdings werden auch in den kommenden Jahren viele Eltern Probleme beim Umsetzen ihrer Erziehungsziele erleben. So ist weiterhin mit einer großen Erziehungsunsicherheit zu rechnen, da junge Erwachsene vor der Geburt eigener Kinder nur selten Erfahrungen mit anderen Babys und (Klein-) Kindern sammeln können (weil es kaum noch Kinder in ihrem sozialen Netzwerk gibt) und da sie auch in Zukunft mit widersprüchlichen Erziehungskonzepten und -ratschlägen seitens der Medien konfrontiert werden dürften. Die Gefahr, dass Eltern Erziehungsschwierigkeiten erleben oder problematische Erziehungsstile entwickeln, wird groß bleiben.

Die Hausarbeit wird in den kommenden Jahren an Bedeutung verlieren - nicht nur weil seltener für die ganze Familie gekocht werden muss, sondern auch weil immer mehr Aufgaben von Geräten und Robotern übernommen werden. Zudem werden viele Arbeiten "ausgelagert" werden, indem z.B. die Wäsche in die Reinigung gebracht wird oder Pizzas und andere Gerichte bei Lieferdiensten bestellt werden. Hausfrauen wird es kaum noch geben; die Familienarbeit wird für Frauen im Vergleich zur Erwerbstätigkeit einen immer geringeren Stellenwert haben.

Benötigte Kompetenzen

So müssen Kinder, Jugendliche und Heranwachsende auch Kompetenzen entwickeln, die es ihnen ermöglichen, Paarbeziehungen positiv zu gestalten und eigene Kinder erfolgreich zu erziehen. Dazu gehören z.B. kommunikative und soziale Fertigkeiten, eine partnerschaftliche Grundhaltung gegenüber dem anderen Geschlecht sowie die Fähigkeit zu Intimität und sexueller Befriedigung.

Aber auch Einstellungen sind wichtig: Jugendliche und Heranwachsende sollten erkennen, dass Paar- und Eltern-Kind-Beziehungen "gepflegt" werden müssen und dafür genügend Zeit eingeplant werden muss. Sie sollten der Familiengründung einen so hohen Wert beimessen, dass sie sich später nicht durch ihre Einkommenssituation, die hohen Lebenshaltungs- und Kinderkosten, Karrierewünsche oder Zukunftsängste davon abhalten lassen. Streben sie einen möglichst frühen Zeitpunkt für die Realisierung ihres Kindeswunsches an, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie ihn sich voll erfüllen (also zwei oder mehrere Kinder bekommen) und nicht auf reproduktionsmedizinische Behandlungen angewiesen sein werden.

Schließlich sollten Jugendliche und Heranwachsende ein entwicklungspsychologisches und pädagogisches Grundwissen erwerben, also z.B. die Bedürfnisse von Babys und Kleinkindern kennen, einen Einblick in Säuglingspflege und -ernährung erhalten sowie die wichtigsten Erziehungsstile und -techniken vermittelt bekommen. So könnte auch einer späteren Verhaltensunsicherheit gegenüber Babys und (Klein-) Kindern entgegengewirkt werden. Werken, Handarbeit und Kochen werden hingegen weniger wichtig sein, da die Haushaltsfunktion von Familien an Bedeutung verlieren und die Technisierung der Hausarbeit weiter voranschreiten wird.

Jugendliche und Heranwachsende sollten sich damit auseinandersetzen, was die Charakteristika der heutigen Kindheit (im Vergleich zu früher) sind und wie sie die Kindheit ihrer eigenen Kinder gestalten wollen. So können sie beispielsweise über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die für Kinder benötigte Zeit, die Bedeutung von Eltern-Kind-Bindungen, Erziehungsziele und Leistungserwartungen diskutieren. Auf diese Weise können sie Einstellungen entwickeln, die später z.B. eine Vernachlässigung oder eine Unter- bzw. Überforderung der eigenen Kinder verhindern und diesen mehr Freiräume verschaffen könnten.